Stadtnachricht

Rückblick auf den Dämmerschoppen vom 11. Januar


Die Big Band Kirchheim beim Dämmerschoppen in der Stadthalle am 11.01.2019

Dieses Jahr stimmte die „Big Band Kirchheim“ aufs neue Jahr ein. Sie besteht aus ehemaligen Schülern des Ludwig-Uhland-Gymnasiums und wurde im Sommer 2018 von Daniel Bucher, Musiklehrer am LUG, ins Leben gerufen. Den ersten Auftritt hatte die Band im Dezember beim „Jazz im Advent“ im LUG. Ziel der Big Band Kirchheim ist es, ausgewählten ehemaligen Mitgliedern der LUG-Band eine Musizier-Plattform nach der Schulzeit zu bieten und die Kirchheimer Musikszene mit einem großen Jazz-Ensemble für Erwachsene zu bereichern. Die Band ist sehr interessiert an weiteren Auftritt- und Konzertmöglichkeiten, gerne auch mit anderen Ensembles in und um Kirchheim unter Teck.
Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und die Big Band Kirchheim beim Dämmerschoppen in der Stadthalle am 11.01.2019

Neujahrsrede von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker



Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie aufs Herzlichste und freue mich über Ihr zahlreiches Kommen. Herzlich willkommen unsere Mandatsträger des Bundes- und des Landtages. Ebenso herzlich willkommen die Gemeinderätinnen und Gemeinderäte sowie die Vertreterinnen und Vertreter unserer Ortschaftsräte. Herzlich willkommen die Vertretungen der Kirchen, der Wirtschaft und des Handels, der Presse, der Feuerwehr und Rettungskräfte - gut Sie an unserer Seite zu wissen. Herzlich willkommen Sie liebe Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Sie tragen an unterschiedlichster Stelle dazu bei, dass der Slogan „Kirchheim! Mehr Stadt braucht kein Mensch“ schlicht zutrifft.


Zeiten des Wandels


Unsere Zeit ist geprägt von radikalen Veränderungen, technische, gesellschaftliche und nicht zuletzt klimatische. Dennoch richten wir unseren Blick mit Zuversicht auf das Jahr 2019. Ja, vieles in unserem Leben wird sich schneller und tiefgreifender als je zuvor verändern. So viele Veränderungen in so kurzer Zeit gab es noch nie. Verkehrswende, Energiewende, künstliche Intelligenz, der wachsende Wunsch nicht besitzen, sondern teilen und gemeinsam nutzen zu wollen, die digitale Revolution, eine Disruption, die unsere Gesellschaft verändert.

Disruptive Ideen sorgen dafür, dass bestehende Strukturen und Organisationen aufgebrochen und ersetzt werden. Eine disruptive Idee ist nicht die Weiterentwicklung eines Produkts, sondern eine komplette Neuentwicklung mit ganz neuen Ansätzen. Revolution statt Evolution. Nehmen Sie „Wissen auf Knopfdruck“. Wer früher etwas im Detail wissen wollte, ging in die Bibliothek oder suchte in den 30 Bänden der Brockhaus Enzyklopädie. Das erforderte Geld und einige Regalwandmeter. 2014 ging eine 200-jährige Ära zu Ende. Bertelsmann stellte die Produktion des Brockhauses ein. Statt Druckwerk jetzt kostenlos Wikipedia und Internet. Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Der nächste Schritt heißt Alexa oder Siri – alle benötigten Informationen erhält man per Spracheingabe. Irgendwie erinnert dies an den allwissenden und omnipräsenten Computer aus Star Trek.

Oder nehmen wir den modernen Alleskönner - das Smartphone. Telefonapparat, Notizblock, Foto- und Videokamera, Pulsmesser, Musikspieler, Spielkonsole, Singlebörse, Geldspeicher, Essenslieferant, GPS-Navigator, Übersetzer, Bank, Buch, Börsenplatz, Tageszeitung. Wie viele Produkte und damit Berufe fallen allein durch das Smartphone weg!

Berufe und Arbeitswelten verändern sich. Ein Beispiel, der im November eröffnete Co-Working-Space in Jesingen. Start-Up-Unternehmen brauchen nicht mehr in Gebäude, Maschinen und Computer zu investieren. Man mietet sie an. Arbeitet in einem Raum mit Menschen die einem völlig anderen Unternehmenszweck nachgehen. Die sich jederzeit austauschen und Ideen vernetzen. Neue Prozesse entwickeln oder neue Produkte. Auch in der Verwaltung planen wir neue Arbeitswelten. Nicht mehr das jedem zugeordnete separierte Büro. Mit Laptop ausgerüstet kann in allen Bereichen Kommunikation betrieben und gemeinsam abteilungsübergreifend an Projekten gearbeitet werden. Mitarbeiter teilen sich ihren Schreibtisch. Die Arbeitszeit ist größt möglichst flexibel.

Wie reagieren wir auf den Wandel? Mit Sorge vor dem was kommt beim Loslassen von Gewohnheiten, mit Furcht vor dem Unberechenbaren? Mit Angst, dass das, was nachkommt, weniger gut ist, als das Bestehende? Sie ist legendär und international anerkannt: die deutsche Angst vor Neuem! Nein, wir begegnen dem Wandel im Bewusstsein, dass bei derartigen Veränderungen auch Fehler gemacht werden. Ohne diese Bereitschaft entsteht nichts Neues. Sicher, die Gesellschaft muss Lösungen für diejenigen finden, die zu den Verlierern des Wandels gehören. Sei dies der Drucker des Brockhauses, der Monteur von Kupplungen für Verbrennungsmotoren oder der Monteur eines Telefonapparates. Haben wir Mut, denn Neubeginn kann euphorisieren, er ist spannend und weckt Neugierde. Ich möchte nicht soweit gehen, Sie aufzufordern jeden Tag etwas zu tun, vor dem man Angst hat. Es reicht, wenn man etwas tut zu dem man sich überwinden muss.

Fangen wir an den Wandel in Angriff zu nehmen und unser Denken in die Zukunft zu richten! Beim Wohnen, der Stadtentwicklung, dem Arbeiten mit der Digitalisierung, der Mobilität, dem Klimaschutz, der Nachhaltigkeit.

Wohnen und Stadtentwicklung


Lange Zeit wurde der Bau von preisgünstigem Wohnraum vernachlässigt, bzw. der soziale Wohnbau mangels staatlicher Forderung quasi eingestellt. Der Markt alleine kann die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum nicht befriedigen. Mit ein Grund, warum auch in unserer Stadt für Einfach- und auch Normalverdiener bezahlbarer Wohnraum kaum zur Verfügung steht. Mit der seit einem Jahr gültigen „Sozialbauverpflichtung“ die der Gemeinderat beschlossen hat, fordern wir bei Neubebauungen, bzw. wenn durch einen Bebauungsplan ein höheres Maß an Bebauung ermöglicht wird, bezahlbaren Wohnraum nach dem Landesförderprogramm zu schaffen. Das ist nur ein Mosaikstein. Die Stadt muss selbst Wohnungen bauen. Warum nicht mit einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft? Zum Beispiel in der Reutlinger Straße, auf dem Linde-Areal, am Schafhof IV. Ich bin davon überzeugt, in Kooperation der öffentlichen Hand mit privaten Partnern kann es für den Wohnungsmarkt Synergieeffekte geben, ohne dabei die öffentlichen Steuerungsmöglichkeiten einzugrenzen. Es ist eine Herausforderung gemeinsam den Lückenschluss zwischen Marktmechanismen und den Bedarf an bezahlbarem Wohnungsangebot erfolgreich umzusetzen. Wenn eine Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern beim Bürgersprechtag erklärt, wie sie zu dritt in einem Zimmer mit Küche leben und sie die Armut riechen können und sehen - die Kinder sind jetzt schon abgehängt - ist klar, das Schaffen von Wohnraum ist eine der zentralen gesellschaftspolitischen Aufgabe der nächsten Jahre. Ohne eine ausreichende Versorgung mit Wohnraum droht der gesellschaftliche Frieden nachhaltig erschüttert zu werden.

2018 wurden von der Verwaltung 35 Bebauungspläne und 300 Baugesuche bearbeitet. In einem breiten Beteiligungsverfahren stellen wir den Flächennutzungsplan neu auf.

Wohnungsbau ist aber mehr als das Bereitstellen von Wohnraum. Eine kommunale Wohnraumpolitik beinhaltet eine Quartiersentwicklung. Quartiere sind als zusammenhängende Lebensräume zu verstehen, in denen soziale und kulturelle Funktionen gebündelt sind. Es ist die Mischung die ein lebendiges Quartier bedingt. Ein Wohnungsmix mit verschiedenen Dienstleistungsangeboten, Grün und Spielplatzflächen, Raum für ein soziales Miteinander, gewerbliche Dienstleistungen, Ärztezentren aber auch Infrastruktur für Elektromobilität. Diesen Anforderungen werden wir im Steingauquartier gerecht. In der Umsetzung nicht einfach, dafür wird das Ergebnis überzeugen.

2014 lebten 273.000 Hochbetagte in Baden-Württemberg. Hochbetagte sind 85 Jahre und älter. 2020 werden es 315.00 sein, 2030: 410.000, 2040: 493.000, 2050: 721.000. Das hat Folgen für den Wohnbedarf. Die da sind: Wohnen in der Gemeinschaft um der Vereinsamung entgegen zu wirken. Wohnen in Cluster-Wohnungen. Im Unterschied zur WG hat jeder Bewohner sein eigenes Appartement, das er auf Wunsch dank kleiner Küchen und Bad auch autark bewohnen kann. Verbunden sind die Wohnungen durch Gemeinschaftsräume. Jedem Haushalt steht individuell eine Fläche von 35–55 Quadratmeter zur Verfügung. Anteilig mitfinanziert werden rund 10–15 Quadratmeter der Gemeinschaftsfläche. Intelligent veränderbare Grundrisse, anzupassen an die Lebensverhältnisse. Betreutes Wohnen im Quartier. Barrierefreiheit, wobei sich nicht alle eine Wohnung mit Aufzug leisten können. Und mir besonders wichtig: „Beste Genesung zu Hause“ – Ehrenamtliche des Vereins buefet e.V. begleiten Alleinlebende nach einem Klinikaufenthalt.

Zur Stadtentwicklung gehört die Frage, wie gehen wir mit historischer Bausubstanz in der Innenstadt und den daran angrenzenden Bereichen um. In langem Ringen um den Neubau des Waldhorns – es war nicht mehr zu halten, da die Statik nicht mehr gegeben war und das Gebäude seine Denkmaleigenschaft verloren hatte – konnte mit dem privaten Bauherrn ein, ich guter Kompromiss gefunden werden. Aufgrund des bestehenden Bebauungsplans hätte dieser auch ein mehrgeschossiges Gebäude erstellen können. Wir konnten die herkömmliche Kubatur sowie eine moderne Fachwerkfassade durchsetzen. Die Farbgebung bleibt dem jeweiligen Eigentümer überlassen. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen und ich freue mich auf die Außenbewirtschaftung im Frühjahr die endlich den Marktplatz an Nichtmarkttagen belebt. Zum Wachthaus hatte der Gemeinderat 2016 einen Verkaufsbeschluss gefasst. Geschuldet den hohen Sanierungskosten. Ich glaube kaum jemand aus der Bürgerschaft würde widersprechen, wenn dieses Gebäude im Eigentum der Stadt bleibt, um Dauer das Erscheinungsbild und die gastronomische Nutzung zu sichern. Es darf nicht nur rein wirtschaftlich gedacht werden. Auch der Erhalt des Fachwerkes des Spitals hat die Stadt viel Geld gekostet. So sollten wir auch beim Wachthaus verfahren.

Ein weiterer Aufreger der letzten Wochen ist die Linde. Auch hier wurde ein guter Kompromiss gefunden. Im Wettbewerb ist der Erhalt der Fachwerkfassade vorgegeben. Das gesamte Linde-Areal ist ein hochinteressanter Ort. Ich folge den Vertretern der Initiative historisches Kirchheim und des Verschönerungsvereins, die letzte zusammenhängende Bebauung jenseits der Alleenstraße zu erhalten. Aufgabe der Architekten wird sein, Fassade und eine dahinterliegende großzügige soziokulturelle Nutzung für den Bürgertreff, das Mehrgenerationenhaus und weitere Nutzer zu finden.

Mobilität


2018 wurde auf deutschen Straßen mehr Kohlendioxid ausgestoßen als 1990. Das hängt am langen Stillstand der Antriebstechnologie. Aber auch daran, dass von der Alufolie bis zum Zollstock mittlerweile alles im Internet bestellt wird und Lieferautos die deutschen Städte erobern und Staus produzieren. Und natürlich am hohen Aufkommen der Pendler in die Metropolen. Antwort bringt der elektrische Antrieb mit einem Netz an Ladesäulen, Carsharing, autonome Shuttles, Robotaxis, ein besserer Nahverkehr mit engerem Takt, mehr Fahrräder – mein Mann und ich wir sind zu bekennenden E-Bikefahrern geworden. Mit ihm lassen sich nicht nur die nicht enden wollenden Serpentinen der Provence überwinden, sondern spielend der Einkauf für das verlängerte Wochenende den Berg hinauf transportieren. Das Smartphone wird künftig den Weg zum nächsten Leihauto oder Leihrad weisen oder die Variante mit dem Bus berechnen. Apropos Bus: Die SPD Fraktion hat den Antrag auf Einrichtung eines Stadttickets gestellt. Eine Fahrt im Stadtgebiet soll weniger kosten als die Fahrt heute im VVS-Verbund. Dies ist grundsätzlich machbar - bei einem städtischen Zuschuss von geschätzten 120.000 Euro. Das sollte es uns wert sein, um mehr Menschen dazu zu bringen, auf den ÖPNV umzusteigen. Die zentrale Forderung unserer Raumschaft muss die S-Bahnverlängerung entlang der Schnellbahntrasse zur Messe und auf den Flughafen sein. Auch im Wissen um hohen Kosten, die anteilsmäßig auf die Stadt zukommen werden. Lassen Sie uns alle politischen Kräfte bündeln.

Nicht nur der Sommer 2018 spricht für sich selbst. Der 4-Monats-Zeitraum April bis Juli 2018 war der wärmste in Deutschland seit Aufzeichnungsbeginn. Der April: sensationelle 4,9 Grad über dem langjährigen Durchschnitt, der Januar 4,2 Grad. Das merkt man im Alltag nicht zu sehr, weil der menschliche Körper erst oberhalb von 30 Grad Celsius seine Grenzen spürt. Aber klimawissenschaftlich gesehen sind 4,9 Grad über dem Durchschnitt ein lebensbedrohliches Fieber. Der gleiche Wert unter dem Durchschnitt bedeutet: Eiszeit, also eine Klimaphase, in der der Gardasee vergletschert ist und das Packeis bis Hamburg reicht. Die Welt bewegt sich mit Vollgas in die andere Richtung. Was können wir tun? Radfahren, wann immer es geht, Bus oder Carsharing nutzen. Zug statt Flug. Im Bioladen oder auf dem Markt einkaufen. Weniger Fleisch essen. Im Urgebet der Christenheit heißt es nicht: „Unser täglich Schnitzel“ – da steht: „Unser täglich Brot“. Wenn wir täglich Fleisch essen, weil wir es uns leisten können, bedeutet das, jemand anderem nicht nur die Butter vom Brot zu nehmen, sondern auch das Brot zu klauen. Weil die Tiere Futtermittel bekommen, die besser Menschen essen könnten. Und eine Kuh kann auch öfter Milch geben als ein Steak. Gemeinsam mit dem Gemeinderat und Vertretern der Umweltverbände haben wir uns auf den Weg gemacht die Gewässer (immerhin sind es 55 km Gewässer auf unserer Gemarkung) Natur näher zu unterhalten und zu pflegen. Hier hat die Verwaltung zugegebener Maßen lernen müssen. Wir wollen unseren Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten. Es ist uns gelungen eine von bundesweit 13 Kommunen zu sein, die vom Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ ausgewählt worden ist. Mit unterschiedlichen Maßnahmen wollen wir die positiven Effekte naturnaher Grünflächen für den Erhalt der biologischen Vielfalt umsetzen.


Nachhaltigkeit


In unserem Agendaprozess verfolgen viele Ehrenamtliche seit über 20 Jahren den Gedanken der Nachhaltigkeit. Sei dies in der Agendagruppe Nachhaltiges Lernen, Schmeck die Teck, Weltladen, Nachhaltiger Stadtrundgang, FahrRad, Warentauschbörse oder GANZ, die jungen Betreiber der Schenkscheuer. Sie sammeln Lebensmittel die weggeworfen würden und sammeln Gebrauchsgegenstände, die auf dem Müll landen würden in der Schenkscheune. In wenigen Wochen müssen sie ausziehen. Ein Ersatzraum ist noch nicht gefunden. Mein Aufruf heute: Wer kann zu einem vernünftigen Mietpreis Räumlichkeiten oder eine Scheune zur Verfügung stellen? Das Projekt wird von der Stadtverwaltung unterstützt. Über eine kurze Mail freue ich mich. Jüngstes Agendakind ist die Gruppe Up-cycling in Jesingen. Eine offene Nähwerkstatt, die Altes zu Neuem entwirft und übrige Stoffe verarbeitet.

Demokratische Werte


Lassen Sie uns unsere Werte bei allem Wandel nicht auf der Straße liegen. Werte, die unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten getragen haben und Grundlage unseres Zusammenlebens sind. Vor 100 Jahren machten sich mutige Frauen und Männer auf, die erste Republik auf deutschem Boden zu erkämpfen. Es war ein gewaltiger Umbruch den Philipp Scheidemann am 9. November 1918 auf den Straßen Berlins verkündete. Das Ende einer jahrhundertealten, monarchischen Ordnung, der Beginn einer demokratischen Zukunft für Deutschland. Eine tiefgreifende Zäsur in unserer Geschichte, ein Aufbruch in die Moderne. Politische Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit. Viele Errungenschaften prägen unser Land bis heute. Alle deutschen Parlamente erhielten das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Das Justiz- und Bildungssystem wurde modernisiert, die Arbeitslosenversicherung eingeführt. Auch die Fundamente des modernen Sozialstaates wurden mit der Weimarer Verfassung geschaffen. Der 8-Stunden-Tag, Tarifpartnerschaft, Mitbestimmung durch Betriebsräte. Mir fehlt die Hochachtung und der nationale Stolz für das, was bereits damals geschaffen wurde. Daher hängt auch heute beim Dämmerschoppen die Fahne Friedrich Tritschlers von 1848. Schwarz-Rot-Gold. „Freiheit“ ist auf ihr zu lesen. Freiheit um die Tritschler und seine Weggefährten kämpften. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir in unserem städtischen Gemeinderat, im Landtag oder im Bundestag eine freiheitliche und demokratische Kultur leben können. Ja wir streiten, wir sind unterschiedlicher Meinung, aber wir wissen auch um den Kompromiss der gefunden werden muss. Und Kompromisse lassen sich nur finden, wenn unterschiedliche Meinungen diskutiert und respektiert werden. Das ist die Basis unserer demokratischen Verfassung. Die Basis unserer freien Gesellschaft.

Ich bin stolz auf das Werden und das Sein unserer Demokratie, begründet auch in der Revolution von 1918 und der Weimarer Republik. Es war insbesondere die Flagge der Republik, auf die es ihre Feinde abgesehen hatten und die sie immer wieder in den Schmutz zogen: Schwarz-Rot-Gold, die Farben der deutschen Freiheitsbewegung seit dem Hambacher Fest von 1832. Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat kein Recht auf Schwarz-Rot-Gold. Den Verächtern der Freiheit die durch die Straßen von Chemnitz oder Dresden ziehen, dürfen wir diese Farben nicht überlassen. Sondern lassen Sie uns stolz sein auf die Traditionslinien für die sie stehen: Schwarz-Rot-Gold, das sind Demokratie, Recht und Freiheit! Halten wir dies dem wachsenden Unmut an der Parteiendemokratie entgegen.

Und machen wir den Mund auf, wenn Björn Höcke das Holocaust-Denkmal in Berlin als „Mahnmal der Schande“ bezeichnet oder Gauland die NS-Zeit als „Vogelschiss“ der Geschichte einordnet. Derartiges Gerede dürfen wir nicht ignorieren, sondern klären wir es mit demokratischer Überzeugungskraft auf. Wir müssen gegensteuern, wenn eine Sprache des Hasses um sich greift, und handeln, wenn die Würde des anderen verletzt wird, wenn die Verrohung der Sprache Platz greift. Vor allen Dingen dürfen wir nicht zulassen, dass einige wieder von sich behaupten, allein für das „wahre Volk“ zu sprechen und andere ausgrenzen. Und wir müssen kämpfen für den Zusammenhalt in Europa und uns einsetzen für eine internationale Ordnung. Denn der europäischen Einigung und der internationalen Zusammenarbeit haben wir es zu verdanken, dass es eine Wiedervereinigung vor 30 Jahren gegeben hat, dass wir wirtschaftlich da stehen, wo wir stehen und dass die große Mehrheit unseres Landes weltoffen und europäisch leben will.

Im Mai des vergangenen Jahres haben wir unsere über 50 Jahre bestehende Städtepartnerschaft mit Rambouillet gemeinsam mit unseren Städtepartnern aus Kalocsa und Bački Petrovac gefeiert. „Hier funktioniert Europa“ lautete die Überschrift im Teckboten. Mit unseren Partnerstädten funktioniert Europa, auch über die Tage des Feierns hinaus. Ich freue mich, dass eine Gruppe Jugendlicher des Mehrgenerationenhauses sich in diesem Jahr aufmacht, um sich mit jungen Menschen aller Partnerstädte Rambouillets in der jeweiligen europäischen Stadt zu treffen, miteinander zu feiern, einfach zu eden und den Mehrwert zu begreifen. Eine andere Gruppe des Mehrgenerationenhauses wird im Oktober nach Bački Petrovac reisen und sich auf ein unbekanntes Terrain begeben. Einige davon auf den Spuren ihrer aus der Vojvodina vertriebenen Großeltern. Die Handballjugend des VfL Kirchheim war im September des vergangenen Jahres in Kalocsa. in diesem Frühjahr gibt es den Gegenbesuch der jungen Ungarn bei uns. Nicht zu vergessen, die seit Jahrzehnten bestehenden Schüleraustausche mit Rambouillet. Junge Europäer begegnen sich ungezwungen und selbstverständlich.

Frauenwahlrecht


Deutschland gehörte zur Avantgarde als 1919 Frauen erstmals wählen durften. Noch vor Großbritannien, den USA und Frankreich. Dabei ist Frankreich das Mutterland der Revolution. 1791 konfrontierte die Schriftstellerin Olympe de Gouges die französische Nationalversammlung mit einer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin. „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann an Rechten gleich. Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen, sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen.“ Das Schafott bekam de Gouges zu spüren. Sie wurde 1793 nach einem Schauprozess hingerichtet. Gründe für die Ausgrenzung fielen Psychologen, Mediziner und Kirchenvertretern im 19. Jahrhundert reichlich ein. Frauen seien zu emotional für die Politik, ihr Hirn sei zu klein, ihr Körper zu schwach. Mutterschaft und Haushalt entsprächen ihrer Natur. Im Rahmen der Frauenkulturtage gibt es eine Ausstellung zu 100 Jahren Frauenwahlrecht unter dem Titel „Erobert das Stimmrecht, meine Schwestern“. Ich hoffe nicht, dass wir nach einem Schauprozess zum Schafott geführt werden.

1919 kandidierten 4 Frauen ohne Erfolg für die erste Gemeinderatswahl unserer Stadt. 1947 wurde erstmals eine Frau gewählt, Frieda Keppler von der CDU, Hebamme und Hausfrau. 1956 war es die Lehrerin Martha Siegl, von der CDU. Ein wichtiges Anliegen war ihr, dass schulpflichtige, aber noch nicht schulreife Kinder in ihrer Entwicklung speziell gefördert werden müssten. Mit ihrer Meinung stand sie im Gremium allerdings alleine. Ein Stadtratskollege meinte in der Diskussion „Kinder sollten in der Familie erzogen werden“. Auch Oberbürgermeister Kröning sprach von einem heiklen Thema, mit dem sich der Landtag bereits befasst habe. Dort sei man der Meinung, dass die Gemeinden keine Schulpolitik betreiben sollten. Das Thema Schulkindergärten endete ohne Beschluss, nur mit Kenntnisnahme durch das Gremium. 2019 investieren wir über 5,1 Millionen Euro in die Bildung und Betreuung unserer Kinder in den Schulen und Kindergärten.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang erwähnen: 10 Jahre gibt es ihn, den Aktionskreis „Starkes Kirchheim“. Aufgrund des unermüdlichen Einwerbens von Spenden durch den Aktionskreis um Christine Marin, konnten in diesem Zeitraum 440.000 Euro an Kinder in Armut ausgeschüttet werden. Zur Lernunterstützung, Schulbedarf, Schulranzen zur Einschulung, Schulfrühstück, Musikschulunterricht, Schwimmkurse, Klassenfahrten, Ferienbetreuung, Kinderkurse bei der FBS, Individualhilfe für besonderes bedürftige Einzelfälle und vieles mehr. Mit Bildung allen Kindern eine Chance geben. Ein von der Bürgerschaft getragenes Projekt, das es nicht allzu oft gibt! Aber in Kirchheim!

Ein spannendes Jahr liegt vor uns.


Am 26. Mai findet zum 20. Mal nach 1945 eine Kommunalwahl statt. Ich hoffe genügend Bürgerinnen und Bürger sind bereit auf den Listen zu kandidieren. Ich bitte Sie eindringIich, leisten Sie Ihren Beitrag zum Gelingen unserer Demokratie. Mitunter würde ich mir wünschen, das höchste Ehrenamt in einer Kommune würde mehr Anerkennung erfahren. Stattdessen nehmen unsachliche und verletzende Meinungsäußerungen immer mehr zu und sinken mitunter ins Bodenlose. Dabei ist es nicht immer einfach im Sinne des Allgemeinwohls abzuwägen und zu entscheiden. Und es allen recht zu machen ist nicht möglich.

Ein mir sehr wichtiger Mitarbeiter meinte heute, die Leute kommen heute doch nur wegen zwei Sätzen, demnach könnten Sie alles Gesagte vergessen. In den vergangenen Wochen habe ich viele Gespräche geführt und viele Ratschläge bekommen. Dafür danke ich aus ganzem Herzen. Um Begonnenes fertig zu machen und notwendig Neues aufs Gleis zu setzen werde ich mich erneut um das Amt der Oberbürgermeisterin der Stadt bewerben und hoffe auf auskömmliche Unterstützung.

Lassen Sie uns versuchen uns nicht zu wichtig zu nehmen. Ich glaube es wäre unglaublich hilfreich. Wie ruhig wäre es, wenn keiner glaubte, er müsse die Welt beherrschen, durch politische oder finanzielle Überlegenheiten. Wenn keiner einem anderen seine Ideen aufzwänge. Wenn jeder sich als flüchtiger, albern kleiner Teil der Welt begreifen würde und einfach still wäre. Gelassenheit an den Tag legte und Fünfe einfach gerade sein ließe. Versuchen wir es zumindest in kleinen Ansätzen in diesem Jahr 2019. Für das ich Ihnen Gesundheit und Frieden wünsche.

Ein weiteres Exponat aus unserer Sammlung des Museums, das uns heute Abend begleitet ist der Widerholtpokal. Ein Reisepokal. Wahrscheinlich ein Geschenk von Kaiser Maximilian an Konrad Widerholt. Er reist dieses Jahr nach Augsburg zur Ausstellung „Maximilian, Kaiser – Ritter – Bürger Augsburgs“ anlässlich des 500. Geburtstag von Kaiser Maximilian. Er steht sinnbildlich dafür, dass wir jetzt gemeinsam auf das Jahr 2019 anstoßen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Es gilt das gesprochene Wort

Blick in das Publikum beim Dämmerschoppen in der Stadthalle am 11.01.2019

Blick in das Publikum beim Dämmerschoppen in der Stadthalle am 11.01.2019

Die Big Band Kirchheim beim Dämmerschoppen in der Stadthalle am 11.01.2019
Die Big Band Kirchheim begeisterte bei ihrem zweiten Auftritt