Stadtnachricht

Aufarbeitung des Hochwasserereignisses vom 11. Juni 2018


1. Ereignis vom 11.06.2018


Am späten Nachmittag und späten Abend des 11.06. ereignete sich ein Starkniederschlag in der Zeit zwischen etwa 17:30 Uhr und 19:00 Uhr, der für die betroffenen Kirchheimer Gebiete seinen lokalen Schwerpunkt im Bereich der Bürgerseen und der Stadtteile Lindorf und Ötlingen hatte. Aus der Verwaltung vorliegenden Unterlagen des Wetterdienstes: Kachelmann Wetter.com, aber auch aus weiteren Aufzeichnungen wird klar, dass die Regenmengen in diesem kurzen Zeitraum als extrem zu bezeichnen sind. Der höchste nachgewiesene Wert liegt bei 146 Liter pro Stunde und Quadratmeter. Selbst wenn dieser Wert nur auf eine verhältnismäßig geringe Fläche gefallen ist und in der Umgebung die Werte geringer sind, so sind diese mit über 80 Liter pro Quadratmeter immer noch als sehr stark bis extrem zu bezeichnen.

Zum Vergleich wird dargestellt, dass der jährliche Niederschlag in der hiesigen Region bei 800 Litern pro Quadratmeter und Jahr liegt. Demnach wären an diesem Abend zwischen 10 % und 15 % des jährlichen Niederschlages innerhalb von wenigen Stunden gefallen. In diesem Zeitraum gab es, aufgrund einer instabilen Wetterlage, mehrere schwere Niederschlagsereignisse, so in der Vorwoche in Kirchheim selbst, aber auch auf den Fildern. Die Bahnstrecke Esslingen-Plochingen war beispielsweise am davorliegenden Donnerstag für mehrere Stunden wegen eines Erdrutsches in Folge eines Starkregenereignisses gesperrt.

Auswirkungen hatte dieses Regenereignis vor allem auf den Einzugsbereich des Duppiggrabens, des Kegelesbaches und des Talbaches. Beim Talbach allerdings ohne nennenswerte Auswirkungen auf die besiedelte Fläche.

Augenzeugen sowie Dokumentationen durch Fotos und Videos zeigen, dass das Einzugsgebiet des Duppiggrabens und des Kegelesbaches die größten Wassermengen aufnehmen musste. Im Stadtteil Lindorf kamen große Wassermengen aus dem Waldgebiet bei der Oberboihinger Straße auf die Siedlung zugeflossen sowie aus dem Bereich des Geländehochpunktes zwischen Reuderner Straße und B297, Zufahrt Hahnweide. Weiter östlich gefallene Niederschläge wurden über das Einzugsgebiet des Kegelesbaches abgeführt.

2. Auswirkungen


Das Regenwasser wird, wenn es nicht versickert, über verschiedene Systeme in Richtung Lauter abgeführt. Frei auf dem Gelände fallendes Wasser verläuft über Gräben und Mulden in Richtung Duppiggraben und Kegelesbach. Diese Gewässer sind je nach Gefährdungspotenzial ausgebaut. Im bebauten Bereich ist dieses Gefährdungspotenzial in der Regel auf eine hundertjährliche Hochwassersicherheit, nachfolgend mit dem oft verwendeten Fachbegriff HQ100 bezeichnet, ausgelegt. Weder die Versickerungsfähigkeit der Außenbereiche, noch die Leistungsfähigkeit der Grabensysteme, war auf solche Wassermengen vorbereitet. Es kam zu Überflutungen, Ausuferungen und Rückstauereignissen durch volllaufende und überlastete Entwässerungssysteme. Über die Wiesen entwickelten sich zeitweise Bäche mit mehreren Metern Breite.

In den besiedelten Bereichen wird Abwasser und Regenwasser gemeinsam in einem sogenannten Mischsystem abgeführt. Dieses sammelt das auf Straßen sowie Hof- und Dachflächen anfallende Regenwasser in der örtlichen Kanalisation. Die Bemessungsregeln sind so ausgelegt, dass im Regenfall über 100 Mal so viel Wasser abgeführt werden muss, wie bei Trockenwetter. Die örtliche Kanalisation ist auf die am 11.06. gefallenen Wassermengen trotzdem nicht ausgelegt. Sollte ein Kanalsystem volllaufen, kommt es zu sogenannten Überstausituationen, bei dem dann durch Rückstauerscheinungen Keller von angeschlossenen Gebäuden durch fehlende Rückstausicherungen volllaufen können. Oder aber, wenn das Wasser, wie am 11.06. geschehen, aus dem Kanalsystem über Straßeneinläufe und Schachtdeckel austritt und wild abfließt, kommt es zu Überschwemmungen von Straßen und Hausgärten. Gegebenenfalls dringt auch Wasser an Lichtschächten, Kellerfenstern und Ähnlichem in die Gebäude.

3. Aufgabe der Stadt


Bei Fließgewässern hat die Stadt eine sogenannte hundertjährliche Hochwassersicherheit zu gewährleisten. Diese Hochwassersicherheit resultiert aus Erfahrungen mit Schadensereignissen und kommt aus der Betrachtung großer und mittlerer Gewässer. Die Situation, dass zunehmend lokale Starkregenereignisse auftreten, wird derzeit erst in Rechenmodelle umgesetzt, mit denen dann präventive Maßnahmen geplant und realisiert werden können. Die Gewässer Duppiggraben und Kegelesbach haben im Bereich der besiedelten Gebiete eine Hochwassersicherheit von HQ100  bzw. werden perspektivisch daraufhin ausgebaut (Kegelesbach). Bei den Kanalisationssystemen wurden die vorhandenen Systeme, die in Lindorf und Ötlingen realisiert sind, auf einen sogenannten 15-minütigen Bemessungsregen ausgelegt, der statistisch einmal im Jahr auftreten kann. Stärkere Regenereignisse müssen nicht von den Kanalisationssystemen bewältigt werden. In den letzten Jahren sind die Anforderungen differenzierter geworden und wurden verschärft.

4. Das macht die Stadt Kirchheim unter Teck präventiv


Die Gewährleistung von schadlosem Abfluss ist Aufgabe der Stadt. Hierfür wird organisatorisch Sorge getragen. Das Reinigen der Gräben entlang von Straßen und Feldwegen, sodass ein freier Abfluss gewährleistet werden kann, ist ein Teil des Maßnahmenpaketes. Diese Gräben werden regelmäßig gemäht, je nach Graben ein- oder zweimal jährlich. Grundsätzlich wird das Mähgut aufgenommen und entsorgt, um Verklausungsgefahren bei Einläufen und Rechen zu minimieren. Über den Mähturnus wird in der Fachwelt immer wieder diskutiert, wobei nicht außer Acht gelassen werden darf, dass es hier naturschutzfachliche Belange gibt und auch einen Anspruch, den Abfluss nicht zu beschleunigen und somit die Gefahr für die Unterlieger zu erhöhen. Vor Einläufen von Gräben und Bächen hat die Stadt aus der Erfahrung früherer Ereignisse Rechen zum Rückhalt von Grobstoffen installiert. Teilweise sind es mehrere Rechen hintereinander, die mit Grobrechen in Fließrichtung beginnen und immer feiner werden. Die Kontrolle dieser Rechen wird durch Mitarbeiter des Bauhofes erledigt. Im Vorfeld des Regenereignisses vom 11.06. ist dokumentiert, dass nach den Niederschlägen vom 08.06. und 10.06. die Rechen kontrolliert und gereinigt wurden. Auch am 11.06. war städtisches Personal nach einer Warnmeldung im Einsatz. Bei Hochwasseralarmierung bzw. bei entsprechenden Meldungen durch den deutschen Wetterdienst, ist durch den Bauhof eine entsprechende Kontrolle dieser Rechen organisiert und wird durchgeführt. Die Einlaufschächte der Straßen, in denen Laub, Straßenmüll und Ähnliches gesammelt und vor Eintreten in die Kanalisation aufgefangen wird, werden einmal jährlich durch ein beauftragtes Fremdunternehmen gereinigt. Wenn bekannt ist, z.B. durch Hinweise aus der Bevölkerung, dass solche Einlaufschächte verstopft sind, werden sie zusätzlich durch den Bauhof geleert und gereinigt.

5. Ausbau Duppiggraben


Nachdem es am Duppiggraben in der Vergangenheit immer wieder zu Überflutungssituationen gekommen ist, wurde auf Antrag des Gemeinderates untersucht, mit welchen Möglichkeiten ein besserer und gesetzlich vorgeschriebener Hochwasserschutz erfüllt werden kann. Es wurden fünf Varianten untersucht, die alle den Schutzgrad HQ100 erreichen.
  • Hochwasserrückhaltebecken-Lösungen in 3 Varianten, Nutzen/Kostenverhältnis 0,8
  • Abschlag Duppiggraben Trasse 1 (wie 2014 gebaut), Nutzen/Kostenverhältnis 1,1
  • Abschlag Duppiggraben Trasse 2 (Anlehnung an die „Reicherter Trasse“), Nutzen/Kostenverhältnis 0,6
  • Lokaler HW-Schutz bzw. Objektschutz, Nutzen/Kostenverhältnis 1,7
  • Stärkere Drosselung Autobahn-Regenrückhaltebecken von 267 l/s auf 100 l/s. Diese Variante wurde verworfen, da es keinen nennenswerten Einfluss auf HW-Situation gibt

Beim Nutzen/Kostenverhältnis von 1,0 oder höher, kann so ein Zuschuss durch das Land gewährt werden, was auch geschehen ist. Aus wirtschaftlicher Sicht blieben seinerzeit nur Var. b) und d) übrig.

d) hat den Nachteil, dass Zufahrten erhalten werden müssen und im Hochwasserfall durch mobile Einrichtungen geschützt werden müssen. Dies ist aufgrund der kurzen Vorwarnzeiten problematisch. Außerdem werden durch lokale Maßnahmen die Wasserstände erhöht und weitere Anlieger gefährdet. Folglich war aus wasserwirtschaftlicher Sicht b) zu favorisieren.

Ließe man das Nutzen/Kostenverhältnis außer Acht, wäre Var. c) die beste gewesen, da die Flutungen der Bahnunterführung weitestgehend entfallen wären. Problematisch und mit langem Zeitbedarf wäre jedoch die Querung der Bahntrasse (Kosten und Abstimmungsprozess mit der Bahn).

Ein Auszug aus dem seinerzeitigen Gutachten des Büros Wald+Corbe liegt als Anhang bei. Das Gutachten steht zur Verfügung und kann bei Bedarf in der Verwaltung eingesehen werden.

Der Gemeinderat hat sich für die Variante b) entschieden. Sie wurde durch das Landratsamt genehmigt und vor wenigen Jahren umgesetzt und hat sich zwischen Stuttgarter Straße und Einmündung in die Lauter bewährt.

Es werden immer wieder gegenüber der Verwaltung Vorwürfe laut, dass eine mangelnde Unterhaltung zu Überschwemmungsereignissen führt. Dieses kann nicht bestätigt werden. Auch wachsendes Gras im Verlauf des Duppiggrabens stellt keine Gefahr dar, da sich bei entsprechenden Wassermengen und der dabei vorhandenen Fließgeschwindigkeit das Gras komplett umlegt. Ablagerungen, die sich nach  Regenereignissen gebildet haben, werden entweder mitgespült oder aber separat beseitigt.

Beim Ereignis am 11.06. war der Duppiggraben beim Einlauf von Lindorf kommend am Einlassbauwerk an der Bahnlinie überflutet und ist auf den vorgesehenen zwei Wegen zur Lauter geflossen. Beide Wege sind entweder überstaut (verdolter Bereich) oder überflutet worden (offener Bereich zur Bahnunterführung hin). Erhebliche Überflutungen der Straßen und Wasser in den Häusern waren die Folge.

6. Selbstschutz der Bevölkerung


Diesem Schreiben legen wir Ihnen eine Broschüre des Landes Baden-Württemberg zum Hochwasserrisikomanagement bei. Sie erkennen dort die Möglichkeiten, die Sie selber in Angriff nehmen können, um eine möglichst gute Eigenvorsorge für den Hochwasserfall zu treffen. Die direkt angeschriebenen Anwohner sowie Personen, die in einem Überschwemmungsbereich entsprechend den Hochwasserkarten liegen, werden im kommenden Jahr zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Wir wollen dabei darauf hinweisen, dass eine absolute Sicherheit durch technische und organisatorische Maßnahmen der Stadtverwaltung nicht gegeben werden kann. Dieses ist uns schon deshalb sehr wichtig, dass Sie für den Fall einer möglichen Hochwasserbetroffenheit dieses Bewusstsein mitnehmen. Geplant sind zwei Termine im Februar 2019 jeweils in Ötlingen und Lindorf.

7. Die geplanten Maßnahmen der Stadt aus der Folge des Hochwasserereignisses


Die Stadtverwaltung hat insbesondere im Einzugsbereich des Duppiggrabens in Lindorf mit betroffenen Anwohnern erste einfache Maßnahmen zum Schutz vor Hochwasser getroffen. Es soll dabei verhindert werden, dass zukünftig ankommendes Hochwasser auf Privatgrundstücke und in die Gebäude fließen kann. Weiterhin ist geplant, eine Starkregengefahrenkarte für den Einzugsbereich des Duppiggrabens erstellen zu lassen. Hierzu sind Haushaltsmittel notwendig, die für den Haushalt 2019 beantragt werden. Mit Gewässerschauen werden in den nächsten 5 Jahren alle 55 Kilometer Fließgewässer in Kirchheim unter Teck begangen. Hieraus lassen sich Gefahrensituationen erkennen und können entsprechend angegangen werden. Weiterhin werden die bereits genannten Informationsveranstaltungen im kommenden Jahr, im Zusammenhang mit dem Hochwassereinsatz- und Gefahrenplan, stattfinden.

Wir hoffen, dass wir Ihnen mit dieser Information darstellen können, dass in der Stadtverwaltung Kirchheim unter Teck viele Maßnahmen bereits in Angriff genommen wurden, aber auch Weitere geplant sind, um die Auswirkungen von Starkregen- und Hochwasserereignissen zu reduzieren. Ein absoluter Schutz kann nicht gewährleistet werden. Die Erfahrungen der jüngsten Zeit zeigen allerdings, dass aufgrund der Klimaveränderungen mit einer daraus resultierenden Zunahme von extremen Wetterereignissen gerechnet werden muss. Ein absoluter Schutz durch öffentliche Infrastruktur ist nicht gegeben, sodass immer ein Zusammenspiel von öffentlichen Maßnahmen und Eigenvorsorge die bestmögliche Prävention sein wird.


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Eberhard Müller
Abteilung Gebäude und Grundstücke
Sachgebiet Grünflächen
Telefon: 07021 502-532
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