Der Umgang mit der Geschichte ist ein sensibler, und er muss dies auch sein. Schnell sind Befindlichkeiten und Missverständnisse aufgeworfen, wenn lieb gewonnene Traditionen, Begriffe und Bezeichnungen in Frage gestellt werden. Doch kann uns dieser Umstand davor entlasten, einen tiefen und selbstkritischen Blick auf unsere eigene Vergangenheit zu werfen? Junge und kritische Generationen kommen vielleicht zu neuen Bewertungen und Einschätzungen über die Personen, nach denen unsere Straßen benannt sind. Oder sie runzeln irritiert die Stirn, wenn ihnen ein finster dreinblickender Soldat entgegen blickt. Dies ist ein Phänomen, das sich nicht nur in Deutschland beobachten lässt. Auch in anderen westeuropäischen Staaten, die mitunter eine lange koloniale Geschichte vorweisen, werden historische Persönlichkeiten aktuell einer Neubewertung und kritischen Kontextualisierung unterzogen.
Auch in Kirchheim unter Teck finden sich Straßennamen von Persönlichkeiten und Orten, die heutzutage, im Angesicht neuerer historischer Forschungen und Erkenntnisse, sicherlich nicht mehr den gleichen Namen erhalten würden. Indes verbietet es der Respekt vor historischen Artefakten und Traditionen auch, unreflektiert alles zu verurteilen bzw. zu entsorgen, was einen schalen Beigeschmack haben könnte und aus heutiger Sicht politisch unkorrekt wirkt. Hier möchte die Stadt Kirchheim unter Teck einen anderen Weg beschreiten. Unser Ziel ist es, die Geschichte so aufzuarbeiten und zu vermitteln, dass dem historisch-politischen Bildungsauftrag entsprochen wird. Wir bekennen uns zu unserer Verantwortung, zeigen Hintergründe auf und möchten dabei aufklären und einordnen. Mit Hinweistafeln erläutern wir, nach wem die Straße benannt ist, in der Sie sich gerade befinden. Zugleich erfahren Sie dabei, warum diese Person oder dieser Ort einer Einordnung bedürfen.
Die Hinweistafeln dienen indes nicht nur dazu, sich an "schwierige" bzw. kritisch zu betrachtende Akteure zu erinnern. Auch zahlreiche historische Persönlichkeiten, die durch ihr Handeln auf eine positive Art und Weise eng mit der Geschichte unserer Stadt verbunden sind, sollen in den Hinweistafeln gewürdigt und in Erinnerung gerufen werden. Dabei reicht die Bandbreite von "Vorkämpfern" einer breiten demokratischen Beteiligung bis hin zu Herzoginnen, Unternehmern und Literaten. Kirchheim unter Teck erinnert in seinen Straßen an viele Menschen und gibt ihnen dadurch einen Platz in der kollektiven Erinnerung. Begeben Sie sich mit uns auf eine kleine Entdeckungsreise.
Straßennamen, die einer reflektierten Kommentierung und Einordnung bedürfen
Schlacht von Annaberg
21. - 26. Mai 1921
Das Dorf Annaberg
Die Annabergstraße wurde im Dezember 1933, also ein knappes Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, nach der Schlacht von Annaberg benannt. Bei dieser Schlacht handelte es sich um ein Gefecht zwischen polnischen Aufständischen, die gegen deutsche Freikorps kämpften. Das Dorf Annaberg nahe des gleichnamigen Berges lag in Oberschlesien, das 1921 noch zum Deutschen Reich gehörte. Schon im 19. Jahrhundert entwickelte der Berg, der die wichtigste katholische Wallfahrtsstätte Oberschlesiens beherbergte, im Rahmen des Kulturkampfes eine große Strahlkraft.[1] Auch politisch motivierte, gewaltsame Aufstände hatte es in der Region immer wieder gegeben - allein zwischen 1919 und 1921 kam es zu drei bewaffneten Konflikten. Da das Deutsche Reich die Freikorps offiziell aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags nach dem Ersten Weltkrieg nicht unterstützen durfte, wurden die Aufstände auch zum Symbol für das „Unrecht von Versailles“ stilisiert.[2]Die Schlacht am Annaberg
Die Schlacht am Annaberg ging auf den letzten dieser drei Aufstände zurück. Im März 1921 hatte sich Oberschlesien bei einer Volksabstimmung, die von Terror und Gewalt begleitet wurde, knapp für den Verbleib im Deutschen Reich entschieden. Der unmittelbare Auslöser des Aufstandes war nun ein neuer Gebietsaufteilungsvorschlag, der alle Industriezentren des Gebietes bei Deutschland belassen wollte. Die polnischen Aufständischen waren nicht bereit, das zu akzeptieren und setzten sich zum Ziel, Oberschlesien stattdessen ganz an Polen anzuschließen. Die entscheidenden Kämpfe zwischen Aufständischen und deutschen Freikorps, die sich im „Selbstschutz Oberschlesiens“ (SSOS) zusammengeschlossen hatten, endeten am 26. Mai 1921 mit der Erstürmung des Annabergs durch die deutschen Verbände. Der östliche Teil Oberschlesiens wurde allerdings im darauffolgenden Jahr abgetreten, was die polnische Seite als eigenen Erfolg verbuchte.Propaganda im Dritten Reich
Im Dritten Reich wurde die Schlacht von Annaberg propagandistisch aufgeladen und überhöht. Hierzu wurde der Berg Stück für Stück in einen Gedenkort der Schlacht umgewandelt. Die Nationalsozialisten ließen ein Amphitheater als „Thingstätte“ errichten, das „Feierstätte der Schlesier“ genannt wurde. Der Bau begann 1934 und wurde nach vier Jahren Bauzeit fertiggestellt. Auffallend bei dem Amphitheater auf dem Annaberg ist die Einbettung vor die natürliche 35 Meter hohe Kalksteinwand des angrenzenden Steinbruchs. Reste des Amphitheaters sind heute noch erhalten. Neben dem Bau der Feierstätte kam auch der Wunsch auf, die Gefallenen des Freikorps ehren zu können. Deshalb wurde in den Jahren 1934 bis 1936 eine Rotunde errichtet, die zusammen mit einem Mausoleum als „Reichsehrenmal für die Freikorpskämpfer“ fungieren sollte und vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge erbaut wurde. Nach Abschluss der Arbeiten wurde die Asche von etwa 50 Gefallenen der Freikorps in das Mausoleum umgebettet. Durch die Charakterisierung des Amphitheaters als „Thingstätte“ und die sakrale Funktion des Mausoleums versuchte man, ein Gegengewicht zum Kloster auf dem Annaberg zu schaffen. Nach Kriegsende wurde das Mausoleum 1945 gesprengt. An derselben Stelle errichtete Polen 1955 das „Denkmal der aufständischen Tat“. (Text von Simone Straka)[1] Böck, Korbinian. „´´Bollwerk des Deutschtums im Osten´´: Das Freikorpsehrenmal auf dem Annaberg/Oberschlesien“, in: RIHA Journal 0160, 27.06.2017, (2017).
[2] s. ebenda.
Literatur
Böck, Korbinian. „´´Bollwerk des Deutschtums im Osten´´:Das Freikorpsehrenmal auf dem Annaberg/Oberschlesien“, in: RIHA Journal 0160, 27.06.2017, (2017).
Haubold-Stolle, Juliane. „Der heilige Berg Oberschlesiens. Der Sankt Annaberg als Erinnerungsort“, in: Schlesische Erinnerungsorte. Gedächtnis und Identität einer mitteleuropäischen Region, (2005), S. 201-220.
Sauer, Bernhard. „'Auf nach Oberschlesien'. Die Kämpfe der deutschen Freikorps 1921 in Oberschlesien und den anderen ehemaligen deutschen Ostprovinzen“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58 (2010), S. 297-320.
Maas-Argonnen-Offensive
26. September - 11. November 1918
Kriegsschauplatz der Argonnen im Ersten Weltkrieg
Der Argonnenweg, der in direkter Nachbarschaft zur Annabergstraße liegt, wurde im Dezember 1933 nach dem Kriegsschauplatz der Argonnen im Ersten Weltkrieg benannt. Die Argonnen sind eine Hügellandschaft im Nordosten Frankreichs, in der vom 26. September bis zum 11. November 1918 die Maas-Argonnen-Offensive stattfand. Kriegsparteien waren das mit Österreich-Ungarn verbündete Deutsche Reich, das gegen die Vereinigten Staaten und Frankreich kämpfte. Ziel der „Grande Offensive“ der Alliierten war, die Deutschen zurückzudrängen und von einer ihrer wichtigsten Versorgungslinien abzuschneiden, sodass die deutschen Stellungen nordwestlich von Verdun unhaltbar wären. Hierzu sollten die vier deutschen Verteidigungslinien zwischen der Maas und dem Argonnerwald durchbrochen werden. Nach verstärkten Angriffen der US-Armee gelang es, die Deutschen Anfang November zum Rückzug zu drängen und die Stellungen um Verdun zurückzuerobern. Die Offensive endete auf beiden Seiten mit großen Verlusten jeweils zwischen 70.000 und 125.000 Mann.Das Argonnerwaldlied
Die Argonnen galten als einer der schlimmsten Kriegsschauplätze des Ersten Weltkriegs und wurden von den Franzosen „die Hölle“ genannt. In Deutschland dichtete Hermann Albert von Gordon (1878-1939) das Argonnerwaldlied, das später von verschiedenen Gruppierungen, darunter auch von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde. Das Lied thematisierte die gestiegene Wichtigkeit der Pioniertruppen im Stellungskrieg und schilderte natürlich nicht die Sinnlosigkeit des Krieges, sondern sollte an die Moral der Soldaten appellieren und dem Kampf, aber auch dem Tod auf dem Schlachtfeld einen Sinn verleihen:[…] 9. Bei diesem Sturm viel Blut auch floß,
Manch junges Leben hat’s gekost’.
|: Wir Deutsche aber halten stand,
Für das geliebte, teure Vaterland. :|
10. Argonnerwald, Argonnerwald,
Ein stiller Friedhof wirst du bald!
|: In deiner kühlen Erde ruht
So manches tapfere Soldatenblut. :|
11. Und komm’ ich einst zur Himmelstür,
Ein Engel Gottes steht dafür:
|: Argonnerkämpfer, tritt herein,
Hier soll für dich der ew’ge Friede sein. :| […][1]
Die Nationalsozialisten griffen im Dritten Reich die Verklärung des Opfer- und Heldentodes der Soldaten wieder auf und auch das Argonnerwaldlied existierte in zahlreichen Umdichtungen weiter. 1929 entstand das Lied „SA-marschiert“, das auf die Melodie des ursprünglichen Liedes gesungen wurde. Einzelne Verse konnten beliebig ersetzt werden; im Liederbuch der NSDAP hieß es bspw.: „Wir fürchten SPD und Rotfront nicht“ und in einer späteren Version des Reichsarbeitsdienstes: „Wir fürchten Moskau und die Juden nicht.“[2]
(Text von Simone Straka)
[1] https://ingeb.org/Lieder/argonner.html (21.09.22).
[2] https://ingeb.org/Lieder/durchdeu.html (21.09.22).
Literatur
Ferrell, Robert H. "America's deadliest battle: Meuse-Argonne, 1918." Kansas, 2007.Lengel, Edward G. “To Conquer Hell: The Meuse-Argonne, 1918.” New York, 2008.
Ernst Heinrich Heinkel
* 24. Januar 1888 in Grubach (heute Remshalden), † 30. Januar 1958 in Stuttgart
Heinkels Karriere
Ernst Heinkel nahm ab dem Jahr 1907 ein Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule in Stuttgart auf. Nachdem er in Echterdingen Augenzeuge des Absturzes eines Zeppelin LZ4 geworden war, wandte er sich dem Bau von Flugmaschinen zu. Heinkel lernte 1910 Friedrich Münzer kennen, der eine Werkstatt betrieb, die sich auf Maschinenbau und Feinmechanik spezialisiert hatte. Der neue Bekannte stellte ihm seine Werkstatt zur Verfügung, sodass mit dem Bau von Heinkels erstem Flugapparat begonnen werden konnte. Nachdem er somit auch in praktischer Hinsicht erste Erfahrungen gesammelt hatte, wechselte Ernst Heinkel 1912 zu den Albatros Flugzeugwerken und konstruierte sein erstes eigenes Flugzeug (Albatros B. II). Er legte besonderen Wert auf die leichte Montierbarkeit und Auswechselbarkeit der Flugzeugteile und erfand für eine Verbesserung der Aerodynamik sogar ein eigenes Nietverfahren.[1] Zwei Jahre später wurde mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs der erste konstruierte Flugzeugtyp als Aufklärer eingesetzt.Derweil machte sich Heinkel im Flugzeugbau einen Namen. Ebenfalls 1914 wurde er zum Werksdirektor der Hansa- und Brandenburgischen Flugzeugwerke ernannt, 1922 erfolgte dann die Gründung der Ernst-Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock. Nach dem Krieg musste die Werksproduktion aufgrund der Auflagen des Versailler Vertrags kurz gestoppt werden, bevor Heinkel die Produktion wieder aufnehmen durfte. Er begann zu expandieren und über ganz Deutschland verteilt Werke aufzubauen.
Heinkels Eintritt in die NSDAP
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat er 1933 in die NSDAP ein und begann mit der Entwicklung und Herstellung von Kampfflugzeugen (darunter die He 111). Obwohl Heinkel häufiger in Auseinandersetzungen mit der Parteiführung (und besonders der SS) verwickelt war, wurde er dennoch 1937 zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. Mit Ausbruch des Krieges arbeiteten in seinen Werken ca. 50.000 Mitarbeiter, unter denen inzwischen auch zahlreiche Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge waren.Spruchkammerverfahren
Heinkels Strategie, immer neue Werke zu bauen oder zu übernehmen und neue Tätigkeitsfelder für sich zu entdecken, weckte den Unmut der Parteiführung. Ab 1943 wurden die Werke durch die Rüstungsbehörde finanziell konsolidiert und mit der Gründung der „Ernst Heinkel AG“ verlor der ehemalige Inhaber den direkten Einfluss auf seine Betriebe.Nach Kriegsende wurde der Großteil der Werke entweder zerstört oder demontiert. Im Spruchkammerverfahren wurde Heinkel zunächst als „Mitläufer“ eingestuft, als allerdings seine Nähe zum Widerstandskreis um Wilhelm Canaris bekannt wurde, konnte diese Einordnung abgemildert werden und er wurde als „entlastet“ angesehen. Heinkel selbst versuchte seine Rolle während der NS-Zeit in eigenen Darstellungen immer wieder zu schönen. Bereits im Oktober 1945 ließ er die Broschüre „Die Beziehungen von Herrn Prof. Dr. Ernst Heinkel zum Nationalsozialismus“ drucken, in der er behauptete, selbst ein Opfer der NS-Politik geworden zu sein. Wichtiges Argument hierfür war die von der Rüstungsbehörde verhängte finanzielle Konsolidierung der Werke. In einem Brief an die Entnazifizierungsbehörde äußerte sich Heinkel ähnlich: „Ich bin ja als Antifaschist bekannt […]. Seit 1933 bin ich Parteigenosse, aber nie Nazi gewesen, ich hatte dauernd Krach mit den Gauleitern […].“[2]
1950 erhielt er die Erlaubnis, seine Produktion in Stuttgart wieder aufzunehmen. Zunächst wurden Motoren produziert, ab 1953 auch Motorroller und fünf Jahre später wieder Flugzeuge.
Die Heinkel-Werke wurden 1964, sechs Jahre nach Heinkels Tod, von den Vereinigten Flugtechnischen Werken und der Fokker-GmbH aufgekauft, zwei deutsch-niederländischen Flugzeugherstellern.
Auszeichnungen und Ehrungen
Verschiedene Ehrendoktorwürden (bspw. 1925 Technische Hochschule Stuttgart, 1932 Universität Rostock), 1938 gemeinsam mit Willy Messerschmidt (1898-1978) Verleihung des neu von Hitler gestifteten „Deutsche[n] Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft“, Ehrenbürger der Gemeinde Remshalden und Benennung der dortigen Realschule nach Heinkel (diese wurde 2017/18 wieder umbenannt).[3] (Text von Simone Straka)[1] Deutsche Biographie - Heinkel, Ernst (20.09.22).
[2] Erker, Paul. „Ernst Heinkel. Die Luftfahrtindustrie im Spannungsfeld von technologischem Wandel und politischem Umbruch." In: Deutsche Unternehmer zwischen Kriegswirtschaft und Wiederaufbau. München, 1999. S. 253.
[3] „Realschule Remshalden bekommt einen neuen Namen: Ernst Heinkel ist Geschichte“, Stuttgarter Nachrichten, 27.10.2016. Stuttgarter Nachrichten - Realschule in Remshalden bekommt neuen Namen, Ernst Heinkel ist Geschichte (20.09.2022).
Literatur:
Erker, Paul. „Ernst Heinkel. Die Luftfahrtindustrie im Spannungsfeld von technologischem Wandel und politischem Umbruch. In: Deutsche Unternehmer zwischen Kriegswirtschaft und Wiederaufbau.“ München, 1999.Köhler, Hans Dieter. „Ernst Heinkel – Pionier der Schnellflugzeuge. Eine Biographie.“ Koblenz, 1983.
Lau, Gerhard. „Der entlastete Techniker oder auch: Meine Begegnung mit Ernst Heinkel.“ Rostock, 2008.
Paul von Beneckendorff und Hindenburg
*02.10.1847 in Posen, † 02.08.1934 auf Gut Neudeck bei Freystadt/Westpreußen
Hindenburg im Ersten Weltkrieg
Paul von Hindenburg stammte aus einer ostpreußischen Adelsfamilie und schlug eine militärische Laufbahn ein. Nachdem ihm im März 1911 der Schwarze Adlerorden verliehen wurde (eine hohe Kriegsauszeichnung) wollte er in den Ruhestand treten.Obwohl Hindenburg mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bei der Allgemeinen Mobilmachung zunächst nicht bedacht wurde, wurde er im August 1914 zum Oberbefehlshaber der 8. Armee ernannt. In der Schlacht von Tannenberg 1914 erhielt Hindenburg eine weitere Beförderung (er hatte nun das Amt eines Generaloberst und später auch eines Generalfeldmarschalls inne). Im August 1916 übernahm er die Oberste Heeresleitung (OHL), bestimmte nun also faktisch über alle Truppen des Reiches.
Nachdem das Deutsche Reich den Krieg 1918 verloren hatte, sollte Hindenburg auf seinen eigenen Wunsch hin endgültig in den Ruhestand entlassen werden. Nach den Ursachen des Versagens im Weltkrieg gefragt, half Hindenburg dabei mit, die sogenannte „Dolchstoßlegende“ zu verbreiten. Das deutsche Heer sei nicht aufgrund falscher Führung sondern linker Umtriebe „von hinten“ erdolcht worden und sei „im Felde unbesiegt“ geblieben.
Wahl zum Reichspräsidenten
1925 fand in der Weimarer Republik die Reichspräsidentenwahl statt, bei der allerdings kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen konnte. Aufgrund seiner großen Popularität - die er nicht zuletzt auch dem in der Schlacht von Tannenberg erworbenen Prestige verdankte- fragte man beim parteilosen Hindenburg um eine Kandidatur an. Dieser soll zunächst gezögert, sich dann aber einverstanden erklärt haben.Hindenburg, der nun als Vertreter des antirepublikanischen „Reichsblocks“ fungierte, konnte sich gegen seinen Konkurrenten durchsetzen und wurde am 26. April 1925 mit 77 Jahren zum Reichspräsidenten gewählt. Trotz verschiedener Krisen blieb Hindenburg bis 1930 ein größtenteils von den Parteien anerkannter und akzeptierter Reichspräsident. Bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise hielt er sich strikt an die Verfassung, obwohl er aufgrund seiner monarchistischen Einstellung den demokratischen Charakter der Weimarer Republik eigentlich nicht unterstützte. 1930 unterschrieb er den sogenannten „Young-Plan“, den letzten der Reparationspläne, der ursprünglich Zahlungen bis ins Jahr 1988 vorsah. Entsetzt über diese Zustimmung zur „Versklavung“ des deutschen Volkes, verlor der Reichspräsident an Zuspruch.
Darum beschloss Hindenburg, die von der SPD geführte Große Koalition aufzulösen und durch eine „antimarxistische und antiparlamentarische“[1] Regierung zu ersetzen. Als es zum Streit über die Formalien einer Arbeitslosenversicherung kam, ergab sich die Möglichkeit, die aktuelle Regierung abzusetzen. Hindenburg ernannte Heinrich Brüning (Zentrum) zum neuen Reichskanzler. Damit begann die Zeit der drei Präsidialkabinette, bei denen es sich um Minderheitsregierungen handelte, in denen der jeweilige Reichskanzler direkt vom Vertrauen Hindenburgs abhängig war. Trotz dieser Ausweitung seiner Machtbefugnisse gelang es dem Reichspräsidenten nicht, das Parlament vollkommen lahmzulegen. Wann immer ein Gesetzentwurf vom Reichstag blockiert zu werden drohte, setzte Hindenburg ihn mittels Notverordnungen dennoch in Kraft. Der Reichstag konnte allerdings jederzeit verlangen, diese wieder aufzuheben. Zu diesem Mittel griff das Parlament schließlich im Juni 1930, woraufhin Hindenburg es auflöste. Diese Entscheidung sollte sich als fatal erweisen, denn die nachfolgenden Regierungen sollten keine demokratische Mehrheit mehr erreichen können.
Das letzte Präsidialkabinett
Durch die Weltwirtschaftskrise hatten sich große Teile der Wählerschaft radikalisiert, sodass die NSDAP und die KPD an Zulauf gewannen und nach den Reichstagswahlen im Juli 1932 eine „negative Mehrheit“ erreichten, die das Parlament blockierte. Kurt von Schleicher, der letzte Reichskanzler der Präsidialkabinette, sprach sich für einen Staatsstreich aus – der Reichstag sollte aufgelöst werden, ohne einen Termin für Neuwahlen festzulegen. Hindenburg lehnte das ab und das letzte Präsidialkabinett unter Schleicher wurde am 28. Januar 1933 aufgelöst.Reichskanzler Hitler
Trotz seines anfänglich schlechten persönlichen Verhältnisses zu Hitler wurde dessen Einfluss auf Hindenburg nun immer größer. Da sich die beiden vorherigen Reichskanzler gegenüber dem nationalsozialistisch dominierten Reichstag nicht mehr hatten durchsetzen können, erschien Hindenburg eine Einigung mit dem Parlament nur noch unter einem Reichskanzler Hitler möglich. Mit der Unterzeichnung der Notstandsgesetze („Reichstagsbrandverordnung“) am 28. Februar 1933 ließ Hindenburg zu, dass die Grundrechte außer Kraft gesetzt wurden und ebnete somit den Nationalsozialisten unter Hitler den Weg in die Diktatur. Inwiefern sich der Reichspräsident der Tragweite dieser Entscheidung bewusst war, ist umstritten, der Historiker und Verfasser einer Hindenburg-Biographie, Wolfram Pyta, schreibt hierzu jedoch: „Hindenburg war frei in der Auswahl „seines“ Kanzlers. Allerdings hatten die beiden Reichskanzler vor Hitler, Franz von Papen und Kurt von Schleicher, den nationalsozialistisch dominierten Reichstag gegen sich aufgebracht. Hindenburg musste eine Grundsatzentscheidung treffen: Eine Regierungsbildung, die auf den Reichstag Rücksicht nahm, war nur denkbar mit einem Kanzler Hitler.“[2]Auszeichnungen und Ehrungen
Verschiedene Ehrendoktorwürden (zum Beispiel Königsberg, Breslau, Bonn…) und verschiedene militärische Orden (Schwarzer Adlerorden, Großkreuz des Eisernen Kreuzes mit goldenem Stern…), Ehrenbürger zahlreicher Städte und Gemeinden und Namensgeber für Straßen/Plätze und Kasernen. (Text von Simone Straka)[1] Winkler, Heinrich August. „Der lange Weg nach Westen. Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik.“ München 2000, S. 482–485.
[2] „Von Hindenburg zu Hitler - Der Reichspräsident war nie eine Marionette“, in: Welt. Artikel vom 09.01.2008. welt.de - Der Reichspräsident war nie eine Marionette (20.09.22).
Literatur:
Pyta, Wolfram. Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. München, 2007.Rauscher, Walter. „Hindenburg. Feldmarschall und Reichspräsident.“ Wien, 1997.
Zaun, Harald. Paul von Hindenburg und die deutsche Außenpolitik 1925-1934. (Diss. Universität Köln, 1998), Böhlau/Köln 1999.
Julius August Lämmle
* 3. Dezember 1876 in Oßweil (heute Ludwigsburg), † 8. Februar 1962 in Tübingen
Kindheit und Karriere
August Lämmle wuchs in einfachen, bäuerlichen Verhältnissen in Oßweil auf (heute ein Stadtteil von Ludwigsburg). Dass er ab dem Jahr 1887 das Lyzeum (also die Lateinschule) besuchen durfte, sorgte in dem kleinen Dorf für großes Aufsehen und Unverständnis. Lämmle schilderte seine Erlebnisse dieser Zeit in seinem autobiographischen Werk „Unterwegs. Erlebnisse und Begegnungen“: „Du bisch koa reachter Aoßweiler maeh!“, sagte eines Tages mein liebster Gespiele Albert Merkle, „du saist Gsicht ond mier saget Gsiicht!“[1]Nach seinem Schulabschluss absolvierte Lämmle zwischen 1891-1896 eine Ausbildung zum Volksschullehrer in Esslingen am Neckar und Nürtingen. Anschließend war er als Lehrer in verschiedenen Orten tätig (unter anderem in Göppingen und Ulm). 1913/14 erschienen seine ersten Gedichtbände, darunter zum Beispiel „Schwoababluat“ oder „Oiges Brot“.
Seinen Wehrdienst leistete Lämmle im ersten Weltkrieg als „Inspektor“ in der Lazarettverwaltung ab. 1919 wurde er vom Schuldienst beurlaubt, um sich die folgenden zwei Jahre lang im Auftrag des Unterrichtsministeriums dem Studium volkskundlicher Disziplinen zu widmen. 1923 wurde Lämmle als Kurator der Abteilung „Volkstum“ ans staatliche Landesamt für Denkmalkunde berufen.
Eintritt in die NSDAP
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat der Schriftsteller 1933 in die NSDAP ein. Zudem wurde er von 1933 bis zum Ende der NS-Diktatur Mitglied der Reichsschrifttumskammer und der Reichskulturkammer. Eine Parteikarriere war für Lämmle jedoch ausgeschlossen, da er bis 1932 Mitglied der Stuttgarter Freimaurerlonge „Zu den 3 Cedern“ gewesen war (nach dem Krieg trat er der Longe wieder bei).In anderer Hinsicht gab sich Lämmle allerdings systemkonform, er wurde Herausgeber der Zeitschrift „Württemberg. Schwäbische Monatshefte im Dienst von Volk und Heimat“ und verfasste für den Reichsstatthalter und NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr eine Huldigung zu dessen 50. Geburtstag 1938: Dem Staat, dem solche gütige Götter gegeben seien, könne sich glücklich schätzen.[2] Zudem sprach er sich für die Rassegesetzgebung der Nationalsozialisten aus: Es sei ein Dienst am Volkstum, unter Berücksichtigung des Arierparagraphen Fremdstämmige aus der Führung des Deutschen Volkes zu entfernen.[3]
Ein Jahr später wurde Lämmle Vorsitzender des Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern, ein Amt, aus dem er erst 1946 zum Rücktritt bewegt wurde. Auch in privater Hinsicht profitierte er von seiner Nähe zum Regime: 1944 zog Lämmle mit seiner Frau nach Leonberg, wo der Schriftsteller ein Grundstück erworben hatte, dass der jüdische Vorbesitzer weit unter Wert hatte abgeben müssen.
Spruchkammerverfahren
Nach Kriegsende wurde Lämmle 1947 im Spruchkammerverfahren als „Mitläufer“ eingestuft. Er erklärte über seine Arbeit im verstaatlichten Landesamt für Denkmalkunde: „Wenn ich die von mir getane Aufgabe, an der ich mit Leib und Seele hing, behalten wollte, mußte ich mich in die neue Ordnung einfügen und der Partei beitreten. Dem gleichen Zwang unterstanden meine Kollegen […]“[4] Beziehungen zu seinen ebenfalls NS-belasteten Dichterkollegen blieben auch nach dem Krieg bestehen. (Text von Simone Straka)Auszeichnungen und Ehrungen
1936: Schwäbischer Dichterpreis gemeinsam mit Anna Schieber (1867-1945) und Ludwig Finckh (1876-1964). In der Begründung hierfür wird August Lämmle als „bodenverbundene(r) Schilderer der schwäbischen Menschen und Erhalter schwäbischen Brauchtums“ geschildert.[5]1939: Ehrenmitglied des Heimatschutzbundes. Noch 1951 wurde Lämmle der Professortitel des Landes Württemberg-Baden und die Ehrenbürgerschaft Leonbergs zugesprochen (letztere wurde ihm 2020 aberkannt) und noch 1956 erhielt er die Ludwigsburger Bürgermedaille.
[1] august-laemmle.de (20.09.22).
[2] Lämmle, August. „Huldigung für Wilhelm Murr“, in: Württemberg. Schwäbische Monatshefte im Dienste von Volk und Heimat 10 (1938) S. 475.
[3] Lämmle, August. „Was liegt dem guten Menschen näher als die Seinen?“ Tatsachen zu den Begriffen „Volkstum“ und „Bolschewismus“, in: Der Schwäbische Heimatkalender 1938, (1938), S. 27-28.
[4] august-laemmle.de (20.09.22).
[5]„Auszeichnung schwäbischer Dichter 1936 mit Ansprache von Ministerpräsident und Kultminister Mergenthaler bei der Verleihung des Schwäbischen Dichterpreises am 10. November 1936 im Staatstheater in Stuttgart“, in: Württemberg. Monatsschrift im Dienste von Volk und Heimat, Nr. 8 (1937), S. 574-575.
Literatur:
Kohlmann, Carsten: „Der Volkskundler August Lämmle und die Heimatschutzbewegung in Württemberg“, in: Schwabenbilder. Zur Konstruktion eines Regionalcharakters. Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. Begleitband zur Ausstellung „Schwabenbilder“ im Haspelturm des Tübinger Schlosses, 18. April bis 1. Juni 1997. Tübingen, 1997.Sauer, Paul: „August Lämmle (1876–1962). Vom Oßweiler Bauernsohn zum schwäbischen Heimatdichter und Volkskundler“, in: Ludwigsburger Geschichtsblätter 56 (2002), S. 115–128.
Ludwig Finckh
* 21. März 1876 in Reutlingen, † 8. März 1964 in Gaienhofen
Studium
Ludwig Finckh studierte zunächst Rechtswissenschaft in Tübingen und München, das Studium brach er allerdings ab, als er kurz vor dem Examen stand. 1897 freundete er sich mit Hermann Hesse an, der zu diesem Zeitpunkt in Tübingen eine Buchhändlerlehre absolvierte. Noch während seines Jurastudiums kam Finckh 1899 zur Examensvorbereitung nach Kirchheim. Hesse folgte ihm für einen Sommer und Finckh prägte den Ruf Kirchheims als „Kastanienstadt“ aufgrund der vielen Kastanienbäume rund um den Alleenring.[1]Danach nahm Finckh ein Medizinstudium in Freiburg auf, das er mit der Promotion abschloss. Hesse war derweil 1904 nach Gaienhofen an den Bodensee gezogen, wohin ihm Finckh ein Jahr später folgte. Beide gründeten Familien und wurden als freie Schriftsteller tätig. In der gemeinsamen „Gaienhofener Zeit“ konnte auch Finckh bedeutende literarische Erfolge verbuchen. Doch bereits vor 1914 traten die verschiedenen politischen Ansichten der beiden Schriftsteller zutage. Hesses künstlerisches Selbstverständnis unterschied sich deutlich von Finckhs traditionellem Bildnis von Familie und Muttertum. Beide griffen diese Haltungen in den Werken dieser Zeit auf („Roßhalde“ bei Hesse beziehungsweise „Rapunzel“ bei Finckh).
Politische Differenzen
1912 zog Hesse mit seiner Familie nach Bern und die gemeinsame „Gaienhofener Zeit“ endete nach sieben Jahren. Spätestens mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwei Jahre später wurden aus den Meinungsverschiedenheiten tiefe politische Differenzen. Hesse war einer der wenigen Intellektuellen, der sich gegen die Kriegsbegeisterung der Deutschen wandte, während Finckh sich für deutschnationale Positionen begeisterte, wie seine Notizen aus dieser Zeit belegen: „Slawen und Asiatentum hat der Brite auf uns gewandt. England ist Teufelland.“[2]Während der Weimarer Republik setzte sich Finckh verstärkt mit nationalistischem und antisemitischem Gedankengut auseinander, während Hesse zu pazifistischen Einstellungen tendierte. Bereits 1924 schilderte Finckh in einem seiner Romane seine Vorstellungen zur Euthanasie und der planmäßigen Züchtung von Menschen. Sein Interesse an Ahnenkunde und seine Bemühungen um die Auslandsdeutschen, denen er ihr „Deutschtum“ wieder ins Gedächtnis rufen wollte, machten ihn leicht zugänglich für die Rassenideologie der Nationalsozialisten.
Eintritt in die NSDAP
Nach der Machtübernahme trat er am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, im Oktober desselben Jahres unterzeichnete Finckh dann gemeinsam mit 88 weiteren Schriftsteller/innen das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Adolf Hitler. Sein Aufstieg unter dem neuen Regime ließ nicht lange auf sich warten. Finckh, der noch immer in Gaienhofen lebte, wurde zum Kulturstellenleiter sowie zum Propagandaleiter des Ortes ernannt. Zudem übernahm er das Amt des Referenten für das Gebiet „Sippenkunde und Vererbung“.Spruchkammerverfahren
Nach Kriegsende kam Finckh 1945, nachdem er in Radolfzell festgenommen worden war, in französischer Kriegsgefangenschaft in ein Internierungslager. Dort wurde er aber bald mit Verweis auf eine „Augenerkrankung“ entlassen. Im Spruchkammerverfahren, das 1949 eingeleitet wurde, stufte man Finckh als „Minderbelasteten“ ein, doch bereits im darauffolgenden Jahr wurden alle Auflagen, die zur Bewährung erhoben worden waren, wieder aufgehoben. Hesse hatte dem früheren Freund gegenüber nach Ende des Krieges eine differenzierte Haltung eingenommen: Zum einen verurteilte er seine blinde Gefolgschaft und nannte den früheren Freund einen „blinden Hitlerschwärmer“[3], räumte aber auch ein, dass Finckh aufgrund seines Engagements für den Natur- und Umweltschutz häufige Auseinandersetzungen mit den zuständigen Behörden und seinem Gauleiter hatte: „Das ist wieder sympathisch.“[4] Finckh bat Hesse auch um Unterstützung in seinem Spruchkammer-Verfahren und stellte die Freundschaft zu Hesse in seinen autobiographischen Werken als wichtige Stütze in seinem Leben dar. In der 1961 erschienenen Autobiographie „Himmel und Erde“ betonte Finckh die Wichtigkeit der Freundschaft mit Hesse, ließ seine nationalistischen Verstrickungen aber derart außen vor, dass Hesse letztlich zu einem vernichtenden Urteil kam: „Es ist das Buch eines alten, vernagelten Nazis, der zwölf Jahre lang „Heil Hitler!“ geschrieen hat und es am liebsten wieder täte.“[5] (Text von Simone Straka)Auszeichnungen und Ehrungen
1926 Ehrenbürgerschaft in Gaienhofen.1936 Schwäbischer Dichterpreis gemeinsam mit Anna Schieber (1867-1945) und August Lämmle (1876-1962).
[1] Wendler, Eugen. Ludwig Finckh. "Ein Leben als Heimatdichter und Naturfreund“, in: Reutlinger Lebensbilder, Band II. Reutlingen, 1985. S. 15.
[2] „Hermann Hesse und Ludwig Finckh: Der fremde „Freund“ aus Gaienhofen“, Hrsg.: Stadtarchiv Reutlingen, 2003. S.2.
[3] ebenda, S. 2.
[4] ebenda, S. 2.
[5] ebenda, S. 2.
Literatur:
Eugen Wendler. „Ludwig Finckh. Ein Leben als Heimatdichter und Naturfreund“, in: Reutlinger Lebensbilder, Band II. Reutlingen, 1985.„Hermann Hesse und Ludwig Finckh: Der fremde „Freund“ aus Gaienhofen“, Hrsg.: Stadtarchiv Reutlingen, 2003.
Schlacht von Tannenberg
26. - 30. August 1914
Die Schlacht von Tannenberg
Die Schlacht von Tannenberg war eine der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs und fand südlich von Allenstein in Ostpreußen statt. Die Kriegsparteien waren das Russische Reich und das Deutsche Reich unter Führung Paul von Hindenburgs. Der deutsche Angriff begann am 26. August 1914 und die deutschen Truppen konnten die Schlacht aufgrund logistischer Mängel, vor allem aber wegen den strategischen Fehlern der höheren russischen Befehlshaber rasch für sich gewinnen. Die Lage im gefährdeten Ostpreußen, das weit in russisches Gebiet hineinragte, war somit wieder konsolidiert.Propaganda im Nationalsozialismus
Die Schlacht von Tannenberg wurde rasch propagandistisch genutzt und regelrecht mystifiziert. Eigentlich war zunächst von der Schlacht von Allenstein die Rede, doch Hindenburg soll auf die Idee gekommen sein, den Namen abzuändern. Es hatte bereits 1410 eine Schlacht von Tannenberg gegeben, in der der Deutsche Orden eine verheerende Niederlage gegen Polen-Litauen erlitten hatte. Hindenburg wollte durch die Umbenennung „diese Scharte auswetzen“ und deutlich machen, dass sich das Blatt nun gewendet hatte.[1]Die Schlacht, in der es gelungen war, dem Vorbild Cannaes, der „Mutter aller Umfassungsschlachten“ nachzueifern, war der erste große Erfolg der deutschen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg. Dies war zwar eher Erich Ludendorffs ungewöhnlicher Kriegsführung und Taktik zu verdanken, der errungene Sieg ist jedoch untrennbar mit dem Namen Hindenburgs verbunden und festigte dessen Mythos. Auch wenn die russischen Truppen durch ihre Niederlage nur zeitweise geschwächt wurden und das Russische Reich allein schon durch seine Truppenstärke weiterhin ein gefährlicher Gegner blieb, trugen Hindenburgs Charisma und seine Erfahrungen als Heerführer zum Sieg der Deutschen bei und beeinflusste die Kampfmoral der Soldaten positiv.
Errichtung eines Denkmals
Kurz vor seiner Wahl zum Reichspräsidenten wurde 1924 in Hohenstein mit der Errichtung des Tannenbergdenkmals begonnen. Der „Hammerspruch“, der bei der Grundsteinlegung vorgetragen wurde, schilderte die Funktion des Denkmals:„Den Gefallenen zum ehrenden Gedächtnis, den Lebenden zu ernster Mahnung, den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung“[2]
Während dem Nationalsozialismus veränderte sich das Tannenbergdenkmal äußerlich sehr. Das Kreuz in der Mitte wurde entfernt, das Denkmal glich nun mit seinen Türmen eher einer Festung und vor der Gruft Hindenburgs, die zwischen 1934 und 1935 gebaut wurde, stand eine ewige Ehrenwache. Hitler ließ das Denkmal zudem offiziell in „Reichsehrenmal Tannenberg“ umbenennen. In einem Epitaph, der ebenfalls neu hinzugefügt wurde, wurde ein Zitat Hindenburgs angebracht, das die Nationalsozialisten für ihre Zwecke entfremdeten und somit als Beispiel für die Vereinnahmung Hindenburgs durch die Nationalsozialisten gelten kann: „Massgebend in meinem Leben und Tun war für mich nicht der Beifall der Welt, sondern die eigene Überzeugung, die Pflicht und das Gewissen, bis zu meinem letzten Atemzuge wird die Wiedergeburt Deutschlands meine einzige Sorge der Inhalt meines Bangens und Betens sein.“ Das Original-Zitat hatte eher den Anklang einer Rechtfertigung gehabt: „Als Mensch habe ich gedacht, gehandelt und geirrt. Maßgebend in meinem Leben und Tun war für mich nicht der Beifall der Welt, sondern die eigene Überzeugung, die Pflicht und das Gewissen.“[3]
Kurz vor Ende des Krieges gab Hitler den Befehl, das Denkmal zu sprengen, was nur noch teilweise gelang. (Text von Simone Straka)
[1]Ob es tatsächlich Hindenburg war, der auf die Idee der Umbenennung verfiel, ist nicht ganz geklärt. Auch Ludendorff beanspruchte diesen Einfall für sich. S. Ludendorff, Erich. „Meine Kriegserinnerungen“. 1919, S. 44.
[2] „Tannenberg. Deutsches Schicksal – Deutsche Aufgabe“, Kuratorium für das Reichsehrenmal Tannenberg (Hrsg.). Oldenburg, 1939. S. 203.
[3] Zitiert nach: Stresemann, Gustav. „Vermächtnis“. Stuttgart, 1932. S. 473.
Literatur:
Von Hoegen, Jesko. „Der Held von Tannenberg. Genese und Funktion des Hindenburg-Mythos (1914-1934).“ Köln, 2007.Pöhlmann, Markus. „Tod in Masuren: Tannenberg, 23. bis 31. August 1914“, in: Förster, Stig, Pöhlmann, Markus und Walter, Dierk (Hrsg.). Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai. München, 2002. S. 279-293.
Tietz, Jürgen. Das Tannenberg-Nationaldenkmal. Architektur, Geschichte, Kontext. (zugl. Diss. Universität Berlin). Berlin, 1999.
Konrad Widerholt
*1598 in Ziegenhain (bei Treysa), † 1667 in Kirchheim unter Teck
Dreißigjähriger Krieg
Konrad Widerholt wurde in wechselnden Diensten zu einem der wichtigsten Kommandanten während des Dreißigjährigen Krieges. Ab dem Jahr 1615 war er für die Hanse in Bremen und Hamburg tätig. 1617 trat er in den Dienst Venedigs und wechselte danach nach Württemberg. 1634 wurde er der stellvertretende Kommandant der Festung Hohentwiel (im Hegau in der Nähe des Bodensees) und bald darauf zum Kommandanten ernannt.In vierzehn Jahren gelang es Widerholt zwischen 1634 und 1648 den Hohentwiel gegen fünf Belagerungen zu verteidigen. Da Herzog Eberhard III. zeitweise vor den Wirren des Krieges ins Exil nach Straßburg floh, war der Hohentwiel die einzige verbliebene württembergische Bastion, die vor den vorrückenden vorderösterreichischen Truppen verteidigt werden musste. Als Herzog Eberhard nach den erfolgreichen Verteidigungen des Hohentwiel noch immer in Straßburg weilte, begab sich Widerholt im November 1637 in die Dienste Bernhard von Weimars. Dementsprechend hätte die Festung Hohentwiel an den Kaiser Ferdinand III. übergeben werden müssen, Widerholt weigerte sich aber, dieser Forderung nachzukommen. Herzog Eberhard entschloss sich daraufhin, die Festung Hohenasperg abzutreten, wodurch der Hohentwiel weiter unter Widerholts Kontrolle blieb.
Bernhard von Weimar starb bereits 1639, sodass Widerholt nun – unabhängig von seiner eigenen protestantischen Konfession – in die Dienste des französischen Königs Ludwig XIII. wechselte. Währenddessen wurde Claudia von Medici, die als Landesfürstin von Tirol in Innsbruck die Regierungsgeschäfte für ihren unmündigen Sohn führte, zu Widerholts Gegnerin. Claudia wollte die habsburgischen Besitzungen in Vorderösterreich sichern, das bereits große Teile Württembergs unter seinen Einfluss gebracht hatte.
Ernennung als Obervogt
1648 endete der Dreißigjährige Krieg mit dem Westfälischen Frieden. Widerholt wurde für seinen Kriegseinsatz mit diversen Ehrungen ausgezeichnet, zum Beispiel erhielt er als Lehen die Herrschaft Neidlingen und wurde in Kirchheim unter Teck zum Kriegsrat und Obervogt ernannt. Widerholt wirkte von 1650 bis 1667 in der Stadt. Als Obervogt bemühte er sich, das durch den Krieg zerstörte Land wieder aufzubauen, die Verwaltung auf Vordermann zu bringen und besonders die Infrastruktur Kirchheims zu verbessern: So setzte er verschiedene Hygienemaßnahmen durch -wie beispielsweise den Bau eines Pumpwerks am Jesinger Tor, um die Wasserqualität der Lauter anzuheben - verbesserte den Feuerschutz Kirchheims und verstärkte mit Zwingern und Reparaturen an der Stadtbefestigung die militärische Sicherheit angesichts der möglichen Türkengefahr.[1]Widerholts Erbe
Da Widerholt keine Kinder hatte, hinterließ er der Stadt sein nicht unbeträchtliches Vermögen, das beispielsweise dafür verwendet wurde, eine Stiftung für Studenten, bedürftige Schüler (und Schülerinnen, wenn auch mit geringeren Beträgen), Geistlichen sowie Lehrern ins Leben zu rufen. Die Stiftung existierte bis zum Jahr 1928.[2]Widerholts Person ist in den letzten Jahren verstärkt in die Kritik geraten, da sich sein vererbtes Vermögen auch aus Kontributionen und Kriegsbeiträgen verschiedener Herrschaften Oberschwabens zusammensetzte, die er während seiner Tätigkeit als Feldherr von den betroffenen Orten erhoben hatte. Obwohl die Zeit des Dreißigjährigen Krieges durchgehend von Gewalt und Grausamkeiten nicht nur gegenüber den Soldaten und Söldnern der feindlichen Truppen, sondern auch der bäuerlichen Bevölkerung geprägt war, zeichnete sich Widerholt durch seine besonders rücksichtslose Kriegsführung aus. Jahrelang verbreitete er während seiner Besetzung des Hohentwiel Terror in Oberschwaben und in der Bodenseeregion und schüchterte die Bevölkerung gezielt ein. Der Kriegsherr wird als streng protestantisch beschrieben, dessen religiöser Eifer sicherlich auch als zusätzliche Motivation für seine Kriegshandlungen gelten kann. Widerholt muss wohl als ambivalente Persönlichkeit gesehen werden: Militärisch ein begnadeter Stratege und Wohltäter Kirchheims, andererseits ein rücksichtsloser Kriegsherr.
Nach Widerholts Tod
Die Stadt Kirchheim unter Teck ließ in der Martinskirche einen Epitaph für Widerholt und seine Frau Anna Armgard Burckhardt errichten, beide wurden in der Umfassungsmauer der Kirche beigesetzt. Das Herzogtum Württemberg feierte Widerholts Erfolge auch nach seinem Tod rückhaltlos. Noch 1843 schilderte Christian Gottlob Barth in seiner „Geschichte von Württemberg“: „Er machte kühne Ausfälle und Streifzüge in die Nachbarschaft, auf denen er entweder bedrängte Orte befreite oder die bedrohten Aerntefelder schützte, oder reiche Beute machte, die er auf seine Burg hinaufführen ließ […]. Wenn er keinen Pfarrer hatte, so gieng der fromme Held selbst an den Betten der Kranken umher, um ihnen den Trost des göttlichen Wortes zu bringen, und las in der Kirche seinen Kriegern selbst eine Predigt vor. Mitten unter den Schrecken der Belagerung erbaute er auf der Burg eine neue Kirche […]. Seine Kriegszucht war streng; er duldete bei seinen Kriegern keine Ausschweifung, keine Bedrückung des friedlichen Bürgers, kein Fluchen und Schwören.“[3] (Text von Simone Straka)Auszeichnungen und Ehrungen
Lehen der Herrschaft Neidlingen mit Randeck und Ochsenwang, Rang eines Kriegsrats und Obervogts in Kirchheim unter Teck.[1]Götz, Rolf. „Konrad Widerholt und der Wiederaufbau im Amt“, in: Kirchheim unter Teck. Marktort, Amtsstadt, Mittelzentrum. Kirchheim unter Teck, 2006. S. 340-346. S. 342-343.
[2] Kramer, Wolfgang. „Konrad Widerholt, Zum 400. Geburtstag des Hohentwieler Kommandanten.“ In: Singener Jahrbuch 1997/98, S. 93–100. S. 81.
[3] Barth, Christian Gottlob. „Geschichte von Württemberg, neu erzählt für den Bürger und Landmann.“ Calw, 1843. S. 212.
Literatur:
Billig, Helmut. „Konrad Widerholt (Festschrift zum 300. Todestag)“, Kircheim/Teck, 1967.Brüser, Joachim. „Die Stadt und ihr Held. Die Stadt Kirchheim und ihr Umgang mit Konrad Widerholt“, in Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck, Band 37, 2014, S. 143–165.
Bumiller, Casimir. „Hohentwiel. Die Geschichte einer Burg zwischen Festungsalltag und großer Politik.“ Konstanz, 1990.
Götz, Rolf. „Konrad Widerholt und der Wiederaufbau im Amt“, in: Kirchheim unter Teck. Marktort, Amtsstadt, Mittelzentrum. Kirchheim unter Teck, 2006. S. 340-346. S. 342-343.
Kramer, Wolfgang. „Konrad Widerholt, Zum 400. Geburtstag des Hohentwieler Kommandanten.“ In: Singener Jahrbuch 1997/98, S. 93–100.
Berühmte Kirchheimerinnen und Kirchheimer, die in Straßennamen gewürdigt werden
Carl Mayer
* 24.07.1877 in Hausen an der Zaber, † 26.11.1973 in Kirchheim unter Teck
Um das Jahr 1900 waren Gehorsam, Fleiß und Disziplin die wichtigsten Werte in den Schulen. Der Unterricht unterschied sich sehr vom Unterricht der Gegenwart. Anstelle von Papier beschrieben die Kinder zumeist Schiefertafeln. Die Schüler mussten den ganzen Tag still und brav in ihrer Schulbank sitzen. Ebenso unterschied sich die Rolle des Lehrers. Dieser musste streng sein und durfte bestrafen.
Ein junger Lehrer, neu zugezogen nach Kirchheim unter Teck stach unter anderen jedoch heraus. Er war Lehrer an einer Mädchenmittelschule und hatte unter der Schüler- und Elternschaft den Ruf eines engagierten und gerechten Lehrers und erfreute sich allgemein einer großen Beliebtheit. Sein Name war Carl Christof Mayer. Carl Mayer wurde am 24.7.1877 im Dorf Hausen an der Zaber (heute ein Stadtviertel in Brackenheim) als Sohn eines Bauern und Weingärtners geboren. Er war das dritte Kind seiner Eltern. Seine beiden Brüder verstarben jedoch schon im Säuglingsalter. Nach ihm folgten noch sieben Geschwister, wobei die Mayers in Hausen in relativbescheidenen Verhältnissen aufwuchsen.
Mayer besuchte die Lateinschule in Brackenheim. Anschießend begann er mit der Ausbildung zum Lehrer in Nürtingen von 1891 -1893, gefolgt vom Lehrerausbildungsseminar in Esslingen von 1893-1896. Aufgrund der bescheidenen finanziellen Mittel, die seinen Eltern zur Verfügung standen, war es ihnen eine große Herausforderung, Carl Mayers Ausbildung zum Lehrer über mehrere Jahre zu finanzieren. Nach der erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung arbeitete Mayer an verschiedenen Orten als Unterlehrer oder Lehrergehife.
1902 - mit 25 Jahren, kam Mayer an die Mädchenmittelschule in Kirchheim unter Teck. Anders als seine Kollegen, hielt er nicht Unterricht nach Vorschrift, sondern erkannte schon sehr früh die Vorteile eines lebendig gestalteten Unterrichts. Damit war er der pädagogischen Arbeit seiner Zeit weit voraus. Er bereitete seine Schülerinnen aktiv auf das Leben vor und vermittelte auf neue lebendige Art Wissen und Lebenswerte. Dies ließ ihn gewiss bei den anderen Lehrern aber als Außenseiter darstehen. Nichtsdestotrotz war er bei seinen Schülerinnen sehr beliebt und hatte später mit einer Großzahl von ihnen ein sehr gutes Verhältnis.
Ein Großteil seines Lebens widmete Carl Mayer der Heimatforschung. Er entdeckte die Liebe zur Heimatgeschichte als der Unterricht in Heimatkunde als Pflichtfach angeordnet wurde, es aber keinen Stoff für diesen Unterricht gab. Somit musste er sich selbst Informationen beschaffen. Er fühlte sich in seiner Lehrertätigkeit, obwohl er sie liebte, nie ganz ausgefüllt und fand einen Ausgleich in der Erforschung der Heimatgeschichte. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er heimatgeschichtliche Beiträge im Teckboten, hielt Rundfunkvorträge und veröffentlichte Bücher. Zum Beispiel 1913 mit ,,Aus Kirchheims Verangenheit" oder das 1905 erschienene Büchlein ,,Unter Teck und Neuffen", das mehrere Auflagen erhielt und fester Bestandteil der Kirchheimer Heimatliteratur wurde. Außerdem schrieb er mehrere Ortschroniken von Bezirksorten wie Gutenberg, Schafstall und Roßwälden. Mayers Arbeit wurde sehr geschätzt, sodass auch einheimische Firmen ihn beauftragten ihre Firmengeschichte zu verfassen. Unter anderen die Ficker AG, sowie die Kolb & Schüble AG.
Carl Mayer beschäftigte sich nicht nur mit der Geschichte der Kirchheimer Umgebung, sondern war auch politisch engagiert. Er war überzeugter Demokrat und wollte der Allgemeinheit dienen. So war er von 1914 - 1928 Ortsvorsitzender der bürgerlich-liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bzw. von deren Vorgängerorganisation, der Fortschrittlichen Volksparte. Von 1919 bis zu seinem erzwungenen Rücktritt 1933 war er zudem Mitglied der Gemeinderatsfraktion. Dort vertrat er die Interessen seiner Mitbürger und leistete der Stadtgemeinde wertvolle Dienste. Auch zum Dank verpflichtet ist die Kirchheimer Bevölkerung Mayer durch seine maßgebliche Beteiligung an der Gründung des Heimatmuseums im Jahr 1922. So blickte er später zur Zeit der Gründung des Museums zuruck und fand: ,,Der Heimat und ihrer kulturellen Werte wird heute von maßgebender Stelle mit mehr Liebe und Sorgfalt begegnet als zur Zeit der Gründung unseres Museums, da man, weil nur wenige Zeugen aus der alten Vergangenheit zur Schau gestellt werden konnten, uns belächelt und verhöhnt hat". Dieses neue Interesse in der Geschichte der Heimat zu wecken war ihm ein großes Anliegen und wurde zum Großteil durch ihn angestoßen.
Er schuf die Grundlagen, auf denen heute gebaut wird. 1932 wurde Mayer Schulleiter der Mädchenmittelschule. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste er seine ehrenamtlichen Tätigkeiten ablegen. Mayer stand dem Nationalsozialismus von Anfang an ablehnend gegenüber und vertrat jederzeit offen seine politische Meinung. Auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen beziehungsweise in Gefahr zu bringen. So beschwerte sich der Schulrat 1934, dass Mayer nicht schnell genug vom 2.Reich [d.h. dem deutschen Kaiserreich vor 1914] wegkäme. Die NSDAP kritisierte zudem auch seine mangelnde Beteiligung am Staatsjugendtag, sowie seine zu liberale Unterrichtsgestaltung. 1935 wurde er schließlich seiner Stellung als Schulleiter enthoben und in den Ruhestand geschickt. Als offizielle Begründung wurden gesundheitliche Gründe angebracht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er aufgrund seiner demokratischen Haltung pensioniert wurde.
Kurz nach seiner Pensionierung erlebte er eine sehr tragische Zeit in seinem Leben, als seine beiden Söhne, einer ein Diplomingenieur, der andere ein Arzt, im Jahr 1944 starben. Dies war auch ein Grund, dass er im Ruhestand nicht aufhörte, sondern sich immer weiter in seine Forschungsarbeiten vertiefte. Arbeit war für ihn die beste Medizin um gegen die Trauer anzukämpfen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der 70-Jährige Mayer wieder in den Schuldienst gerufen. In diesen bewegten Zeiten und trotz seines hohen Alters übernimmt er die Leitung des Bezirkschulamts und steht dabei vor der enormen Herausforderung, das aus dem Ruder gelaufene Schulwesen im Kreis Nürtingen wieder aufzubauen. Durch die Eroberung der ehemals deutschen Siedlungsgebiete in Osteuropa und der damit verbundenen Vertreibung der dort lebenden Deutschen war auch der Zustrom von Flüchtlingen im Westen Deutschlands stark angestiegen. Auch aus den zerstörten Großstädten kamen viele Menschen in die ländlichen Gegenden. Es gab deshalb große Raum- und Schulraumnot. Zudem mussten viele Lehrer aufgrund ihrer aktiven Mitarbeit im Nationalsozialismus entlassen werden. Im Jahr 1949 übergab er das Amt an seinen Nachfolger.
In 70 Jahren hat Carl Mayer sehr viel heimatkundliche Beiträge niedergeschrieben. An dieses Wissen gelang er hauptsächlich durch seine Rechercheareit im Stadtarchiv von Kirchheim unter Teck. Jahrzehntelang areitete Mayer dort. Dieses wurde für Mayer zu seiner zweiten Heimat, wobei er sich in zahlreiche Akten und Dokumente vergrub und diese ordnete. Er verbrachte sehr viel Zeit dort. Seine Aktivitäten im archivarischen Bereich wurden honoriert durch die Archivdirektion in Stuttgart dadurch, dass er zum ehrenamtlichen Archivar der Stadt Kirchheim unter Teck ernannt wurde. Besonders im Ruhestand konnte er sich dieser Aufgabe vollends widmen. Dieses Ehrenamt des Stadtarchivars hatte er ganze 40 Jahre inne. Seine jahrzehntelangen Ordnungsarbeiten und auch sein historisches Wissen kamen dabei natürlich den ihm folgenden Stadtarchivaren zugunsten.
Carl Mayer war ein ruheloser Mensch, mit einem unermüdlichen Schaffensdrang. Er hatte eine starke, aber auch eigenwillige Persönlichkeit. Er war eine zähe Person mit einer bewundernswerten Lebendigkeit. Mayer interessierte sich neben der Geschichte seiner Heimat auch fürs Wandern und die Musik. Über ein Jahrzehnt lang war er der Dirigent des Gesangsvereins ,, Eintracht". Ihm war es wichtig mit Gleichgesinnten gemeinsame Zeit zu verbringen. Er pflegte enge Bindungen zu seinen Freunden. Singen und Wandern hatten für ihn eine befreiende Wirkung Anlässlich seines neunzigsten Geburtstages wurde Carl Mayer mit der Konrad-Wideholt- Gedenkmünze ausgezeichnet. Er bekam sie ,,für seine Verdienste, die er sich durch sein Wirken als Erzieher und Heimatforscher in fast sieben Jahrzehnten zum Wohle der Stadt erworben hat". Fast bis zu seinem Tod arbeitete Mayer noch über Büchern und Archivalien und wirkte bis ins hohe Alter. An einem Montag, dem 26.11.1973 starb der 97 in seiner Wahlheimat Kirchheim unter Teck. Sein Tod hinterließ eine große Lücke bei den Personen die ihn kannten, seinen Freunden und seiner Familie. Aus dem jungen Lehrer wurde ein Pionier der Heimatforschung, der durch seine Arbeit als Archivar, Heimatforscher, Dirigent und aufrechter Demokrat, Kirchheim und seiner Umgebung unschätzbare Dienste leistete.
Im Jahr 2017 bekam Carl Mayer in Kirchheim unter Teck, der Stadt in der er den
Großteil seines Lebens verbrachte eine Straße nach ihm benannt. (Text von Selin Aydin)
Literatur:
Heinzelmann, Friedrich: Carl Mayer, in: Erinnern. Wissen. Verantwortung, Kirchheim unter Teck, 2017, S. 22 f.
Seischab, Steffen: Heimatkunde Unter der Teck. Carl Mayers Klassiker im Wandel der Zeiten, in: Kirchheimer Aufsätze, 13.02.2024 (PDF)
Friedrich Tritschler
*08.09.1810 in Kirchheim unter Teck, † 12.09.1859 in den USA
1848 - der revolutionäre Funken, entfacht durch den Sturz des französischen Königs im Februar, breitet sich in ganz Europa aus. In diesen explosiven Zeiten steht ein Mann auf dem Platz des Freihofes, in der kleinen Stadt Kirchheim unter Teck. Er hält eine leidenschaftliche Rede, an das 1.500 Personen starke Publikum, das ihm gebannt zuhört. ,,Wo der brave Tagelöhner gleiches Stimmrecht mit dem Reichen bekommen soll", ruft dieser. Er spricht von Demokratie, freien Wahlen, Freiheit und Gleichheit. Dieser Mann ist Friedrich Titschler und er soll Kirchheims Aufbruch zur Demokratie prägen wie kein anderer. Durch ihn wird Kirchheim während der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Hochburg der Demokratie in der Region.
Dieser, vom Äußeren unscheinbare Mann, steht nun auf einer Bühne, geschmückt mit den Revolutionsfarben Schwarz-Rot-Gold. Es ist Februar des Jahres 1848 und Friedrich Tritschler, der seit diesem Jahr zum lokalen Revolutionsführer aufgestiegen ist, ist heute der Hauptredner. Es sind viele zahlreiche Zuhörer gekommen. Die begnadete Rednergabe Tritschlers hat sich schnell rumgesprochen. Die Menschen sind voller Zuversicht, der Einfluss der Demokraten wächst in fast allen deutschen Staaten. Presse - und Versammlungsfreiheit werden sukzessive eingeführt. Zum ersten Mal scheint ein geeintes und freies Deutschland in Sicht.
Friedrich Tritschler, einer von vielen revolutionär und mutig denkenden Menschen dieser Epoche, wird 1810 geboren. Er absolviert später, bei seinem Vater der einen kleinen Betrieb in Kirchheim hat, eine Lehre als Seifensieder. Ihn zieht es aber fort, so dass er drei Wanderjahre in Frankreich unternimmt. Dort kommt er zum ersten Mal mit den demokratischen Idealen der Französischen Revolution in Berührung.
Nach seiner Rückkehr möchte er sich sofort politisch einbringen. Er schreibt Artikel gegen die Willkür des Adels. Außerdem fordert er auf Versammlungen freie Wahlen, Pressefreiheit, und bürgerliche Selbstbestimmung. 1840 gründet und leitet er den Verein ,,Bürgermuseum", der sich mit diesen politischen Debatten beschäftigt und sie in die Bevölkerung hineinträgt. Schnell wird Tritschler zu einem angesehenen Mitglied der Gemeinde. Er ist sogar zeitweise Mitglied im Bürgerausschuss der Stadt Kirchheim unter Teck. Die Arbeit ist ihm dort allerdings zu passiv, weswegen er beginnt auf Versammlungen aktiv Reden zu halten. Währenddessen leidet sein Privatleben unter seinen politischen Betätigungen. Dadurch, dass er seinen Seifensiederberuf nicht mehr ausübt, wird das Geld knapp. Seine Familie gerät in die finanzielle Bredouille und er muss hohe Schulden aufnehmen.
Es ist nun also Februar und Friedrich Tritschler hält seine Rede vor dem begeisterten Kirchheimer Publikum. Der Zukunft der Demokratie und der möglichen Vereinigung Deutschlands scheint nichts im Wege zu stehen. Bis sich Ende 1848 das Blatt zu drehen beginnt. Die Gegenrevolution beginnt an Einfluss zu gewinnen und findet ihren Höhepunkt, als Preußens König die ihm angebotene Kaiserkrone ablehnt und beleidigt. Die demokratische Verfassung und der Traum einer deutschen Einheit sind damit vorerst gescheitert.
Die Gegenrevolution breitet sich in ganz Deutschland aus. Auch in Württemberg, wo der liberal geglaubte König die restlichen vom Volk gewählten Abgeordneten der Nationalversammlung, die nach Stuttgart geflüchtet sind, durch das Militär auseinanderjagen lassen hat. Grade dieser Vorgang empört viele Kirchheimerinnen und Kirchheimer sehr. Großer Unmut breitet sich in der Bevölkerung aus, die viele Hoffnungen in die Nationalversammlung gesteckt haben. Es kommt zu dieser Zeit wiederholt zu blutigen Schlägereien zwischen Anhängern und Gegnern der Revolution.
In der Nacht nach der Auflösung der Nationalversammlung durch die Württembergische Regierung, am 18 Juni 1849, hält Tritschler eine leidenschaftliche Rede. In dieser stellt er seine Mitbürger darauf ein, dass die Demokratische Revolution nur im Kampf zu retten sei. In ihrer Verzweiflung sehen sie sich gezwungen eine bewaffnete Truppe zusammenzustellen, um sich gegen die Feinde der Demokratie behaupten zu können. Friedrich Tritschler führt diese Truppe an. Er trägt eine schwarz-rot-goldene Schärpe als Zeichen vaterländlicher Gesinnung.
Der Zug besteht aus 150 bewaffneten Freiwilligen und entwickelt sich anders als erhofft. Sie finden viel Zuspruch, als sie über Weilheim nach Wiesensteig ziehen um die verbliebenen Abgeordnete zu unterstützen. Allerdings sind die Menschen nicht bereit, womöglich ihr Leben zu opfern und sich dem Zug bewaffnet anzuschließen. Ernüchtert kehrt die Truppe im Laufe des Tages nach Kirchheim zurück.
In den folgenden Monaten, einer Zeit der Repression, wird Friedrich Tritschler zu fünfeinhalb Jahren Arbeits - und Zuchthausstrafe verurteilt. Der Strafe entzieht er sich jedoch durch Flucht. Er flieht in die Schweiz und emigriert im Frühsommer 1850, mit seiner Frau und Tochter nach Amerika, in den Bundesstaat Illinois.
Die ,,Neue Welt" stellt sich für Tritschler allerdings anders heraus als gedacht. Für die Politik interessiert er sich dort kaum. In einem Brief an seine Eltern schreibt er: „die Politik ist mir hier Nebensache, ich habe wenig Sinn mehr dafür, die Menschlichkeit ist mir zu gemein, überall Eigennutz, Gemeinheit, selten Ehrbarkeit und Gemeinsinn“. Er fokussiert sich ganz auf seinen ursprünglichen Beruf der Seifensiederei. Geschäftlich hat er aber keinen Erfolg und häuft erneut hohe Schulden an. Zudem brennt auch noch seine mühsam aufgebaute Seifensiederei kurz vor seinem Tod ab. Friedrich Tritschler stirbt 1859 mit nur 49 Jahren. Seine Familie kehrte anschließend hoch verschuldet nach Kirchheim zurück.
Erst 2016 wird eine Straße nach Tritschler benannt, nachdem er davor 150 Jahre in Vergessenheit geraten ist. Und das obwohl er von Anfang an, unter den Bürgern Kirchheims die treibende Kraft hinter Aktivitäten zu politischen Veränderungen ist. Für den Kampf der Demokratie war er bereit nicht nur seine finanzielle Mittel, sondern sogar seine Freiheit und sein Leben zu opfern. An der Widerentdeckung Tritschlers hatte vor allem eine Person einen starken Anteil – der Geschichtslehrer und Lokalhistoriker Dr. Eberhard Sieber. (Text von Daniel Vanegas Fiebach)
Literatur:
Sieber, Eberhard: „1848 – Demokratischer Aufbruch in Stadt und Bezirk Kirchheim unter Teck“, in: Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck, Bd. 22, Kirchheim unter Teck, 1998.
Gottlieb Leonhard Gaiser
*30.07.1817 in Schlierbach, † 28.12.1892 in Hamburg
„In dem Gedenkkult wurde die Eroberung Afrikas als Werk großer Männer dargestellt, die, bloß von Forschergeist, Mut, Tatkraft und nationaler Gesinnung vorangetrieben, fremdes Land für das Reich erobert, sich gegen Natur und Feinde durchgesetzt hätten.“[1]
In diesem Sinne war Gottlieb Leonhard Gaiser ein kluger Mann, der sein Know-How zur richtigen Zeit, am richtigen Ort einzusetzen wusste. Dies machte ihn auch zu einem erfolgreichen Kaufmann. Sein Wissen über Ölgewinnung aus tropischen Früchten und Saaten kam ihm dabei zugute. Dieses erwarb er als Reisender für die Firma F. Dreuller in Lyon. Dort wurde er auch ein späterer Mitinhaber. Nachdem sein Partner, Franz Settels, im Jahr 1865 ihre in 1859 gegründete Ölmüle „Gaiser & Co.“ verließ, änderte Gaiser den bisherigen Kurs. Statt deutschen, einheimischen Saaten, sollten tropische Saaten für die Gewinnung von Ölen verwendet werden. Zu Zeiten der Industrialisierung, mit steigender Nachfrage an ebendiesen pflanzlichen Ölen eine ohne Zweifel herausragende Idee. Für Gaiser ergaben sich auch Vorteile durch die Herkunft der tropischen Palmfrüchte und Sesamsaat: sie waren aufgrund der niedrigeren Löhne der Arbeitenden viel günstiger als heimische Produkte. Durch seine Firma G.L. Gaiser konnte er diese ohne Probleme mithilfe der nigerianischen Niederlassung des Händlers „Oswald & Co.“, importieren lassen, und in seiner Harburgischen Ölmühle bei Hamburg pressen lassen. Die Niederlassungen Oswalds erwarb er im Jahre 1869 und änderte den Firmennamen, gemeinsam mit John Witt, zu „Gaiser & Witt“. Nachdem Witt das Unternehmen 1876 verließ, änderte Gaiser den Namen erneut zu G.L. Gaiser.
1885 wurde Gaiser zu einem aktiven Akteure im deutschen Kolonialismus. Durch einen Vertrag mit dem König Amapetu von Mahin erwarb sein Agent Eugen Fischer gegen Seide, Rum, und Gin den „Mahinstrand“ – einen Küstenstreifen, der sich im heutigen Nigeria befindet und zu der damaligen Zeit von den Briten kontrolliert wurde. Der von Bismarck beauftragte Gustav Nachtigal, stellte diesen unter deutschen Schutz. Doch noch im selben Jahr, 1885, verzichtete Deutschland nicht nur auf den Mahinstrand, sondern auf all ihre Gebietsansprüche in Nigeria, weshalb Gaiser seinen Handel auf Kamerun erweiterte.
In Deutschland wurde die Ölgewinnung nach der „Gaiser-Methode“ gepriesen, während die Einheimischen in Afrika unterjocht wurden. Zwangsarbeiter mussten auf Plantagen arbeiten, der „Sklavenhandel“ wurde gefestigt. Ihre Rolle als Mensch vor Ort bestand darin, die anderen Länder wie eine Maschine mit den eigenen Rohstoffen zu bereichern – ohne jeglichen eigenen Gewinn. Selbstverständlich leisteten sie zu jener Zeit Widerstand, jedoch war dieser nicht genug. Nichtsdestotrotz leiden eben diese Länder, die Gaiser zu seinem eigenen Zweck nutzte, bis heute unter den Folgen des damaligen Kolonialismus.
Gottlieb L. Gaiser starb 1892 in Hamburg; die Erinnerung von ihm als Wohltäter blieb. Noch zu Lebzeiten spendete er dem Verschönerungsverein Kirchheim 1.000 Mark, um den Teckturm mit Schutzhütte zu bauen. Zudem hinterließ er in seinem Testament 430.000 Mark an 13 Wohltätigkeitsvereine Hamburgs, 50.000 Mark für die Schlierbacher Schulen-, Armen-, und Krankenpflege, 10.000 Mark an die Paulinenpflege, sowie 100.000 Mark für die Kirchheimer Schulen-, Armen-, und Krankenpflege. Seine Unternehmen übernahm sein Schwager Johann Martin Brettschneider, der die Ölmühle an Friedrich Thörl verkaufte und die Hamburg-Afrika-Gesellschaft gründete, d.h. er fokussierte sich auf den Handel mit Afrika. Die Belohnung Gaisers für die Bereicherung der Stadt war der nach ihm benannte Gaiserplatz in Kirchheim.
Obwohl er ein kluger Mann, erfolgreicher Kaufmann und gnädiger Wohltäter seiner Heimat war, trägt er dennoch die Schuld an der Ausbeutung der Einheimischen Kameruns und Nigerias. Er strebte nach mehr und hinterließ wenig für diejenigen, von denen er es nahm, teilte dies aber mit denen, die schon mehr besaßen. (Text von Viktoria Reimer)
Literaturverzeichnis
Hieke, Ernst, "Gaiser, Gottlieb Leonhard" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 39-40 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd136350100.html#ndbcontent
HMJokinen, Frauke Steinhäuser, „Gaiserstraße“ in: 20 Biografien von Kolonialakteuren, nach denen in Hamburg Straßen benannt sind (2015), S. 25-26; URL: https://www.hamburg.de/resource/blob/148560/75588f9934c3dfe42cf8ecf0b5383f6c/gaiserstrasse-data.pdf
„Auspresser: Gottlieb L. Gaiser“ in: SPIEGEL Geschichte 5 (19.09.2022), S. 111
Pohl, Manfred, „Reichtum durch Palmen und Sesam“ in: Der Teckbote (28.12.2017), S. 16
[1] Winfried Speitkamp: Der Totenkult um die Kolonialheroen des Deutschen Kaiserreichs, in: zeitenblicke 3 (2004), Nr. 1 [09.06.2004], Absatz 29. URL: https://www.zeitenblicke.de/2004/01/speitkamp/index.html#headline_4 (letzter Aufruf 03.06.24)
Herzogin Henriette von Württemberg
*22. April 1780 in Kirchheimbolanden, † 2. Januar 1857 in Kirchheim unter Teck
Herzogin Henriette von Württemberg, die „große Wohltäterin und Armenmutter Kirchheims“ etablierte in ihrem 45-Jährigem Aufenthalt in Kirchheim unter Teck etliche soziale Einrichtungen, wie beispielsweise die Paulinenpflege, nach Kirchheim Teck.
In ihrer 40-Jährigen Witwenzeit übernahm die Herzogin das Präsidium des lokalen Wohltätigkeitsvereins, wobei sie sich besonders für Waisenhäuser, Armenheimschulen und Taubstummeneinrichtungen interessierte und engagierte.
Tiefe Frömmigkeit und Mitgefühl zeichneten Henriette von Württemberg aus, doch auch eine hohe Verschuldung des Könighofes, Teuerungen, Missernten, Überbevölkerung und eine allgemeine Armut des württembergischen Volkes führten zu dem sozialen Wirken der Herzogin.
Leben Henriettes vor der Witwenzeit
Henriette wird in Kirchheimbolanden als Tochter von Fürst Karl von Nassau-Weilburg geboren. Ihre Eltern starben beide früh, sodass sie bereits im Alter von 7 Jahren Vollweise war. Nachdem französische Revolutionäre In die Pfalz vorstießen, mussten sie und ihr Hof nach Bayreuth fliehen, wo sie im Alter von 17 Jahren den 24 Jahre älteren Herzog Ludwig von Württemberg kennenlernte. Beide, Henriette und Ludwig, vermählen sich am 28. Januar 1797 und bekommen fünf Kinder. Zu diesem Zeitpunkt wusste Henriette nichts von dem luxuriösen Lebensstil und den Geldproblemen Ludwigs.
Da Ludwigs Schwester den Zaren Paul von Russland heiratete, siedelten Henriette und ihr Ehemann zunächst nach Petersburg um. Dort diente Ludwig als Offizier der russischen Armee und Gouverneur von Riga. 1807 berief König Friedrich von Württemberg seinen Bruder Ludwig als Kommandeur der königlich-württembergischen „Garde und Haustruppen“ nach Ludwigsburg, wohin ihm seine Familie folgte. Hohe Schulden und Pleiten begleiten Ludwig und damit auch seine Familie weiterhin. 1811 schließlich wurde ihnen das Schloss in Kirchheim unter Teck als Wohnsitzt zugewiesen. Sechs Jahre später starb Herzog Ludwig dort und Henriettes 40-Jährige Witwenschaft begann.
Herzogin Henriette als Wohltäterin
Die Herzogin ist eine von tiefer Frömmigkeit und Mitgefühl geprägte Person gewesen. Doch auch die schwierigen Umstände zu ihren Lebzeiten, etwa die Missernten in der Folge des Ausbruchs des Tambora-Vulkans
In Indonesien 1815 oder das Elend der napoleonischen Nachkriegsjahre führten zu einem starken sozialen Wirken der Herzogin. Henriette übernahm das Präsidium des lokalen Wohltätigkeitsvereins. Zudem geht die „Industrieschule“, mit deren Hilfe ökonomisch schwachen Menschen eine Ausbildung ermöglicht werden sollte, auf Henriettes Initiative zurück. Der Unterhalt der Industrieschule wurde durch den Verkauf der handwerklich hergestellten Produkte bezahlt, die die Kinder dort produzierten, z.B. geflochtene Körbe oder gestrickte und bestickte Kleidung. Henriette hatte ein ausgeprägtes Interesse für Waisenhäuser, Armenheimschulen und Taubstummeneinrichtungen. In den ehemaligen Kasernen der jetzigen Freihof Realschule wollte sie 1823 ein Armenhaus für „verwahrloste“ Kinder errichten. An diesem Standort indes scheiterte Henriette – erst zwei Jahre später gelang in dem Gebäude am Schlossplatz Nr. 14 die Etablierung der Paulinenpflege – einer der zentralen sozialen Einrichtungen Kirchheims seit nunmehr fast 200 Jahren. Doch dies war nur eine von zahlreichen Einrichtungen. 1838 war sie mit einer Stiftung 100 Gulden jährlich und einem Startkapital in Höhe von 1.000 Gulden maßgeblich an der Gründung der ersten Kirchheimer Kleinkinderschule beteiligt, die zunächst im Freihof ein Quartiert fand. Auch das Wilhelms-Hospital, das 1840 eingeweiht wurde sich in der heutigen Osianderstraße 6 befindet und bis 1948 als Kirchheimer Krankenhaus diente, geht auf die Initiative von Henriette zurück. Gleiches gilt für die 1849 etablierte Freiwillige Feuerwehr und die 1853 gegründete Töchterschule, einer Institution, die auch Frauen Bildungsangebote ermöglichen sollten, die über die einfache Volksschule hinausgingen. Bei all dem war Henriette maßgeblich beteiligt – nicht zuletzt durch großzügige Spenden.
Auch ihre Nachfahren sollten den Ruf Kirchheims und der Teck in Welt bekannt machen. Henriettes Enkel Franz (1837 – 1900) war es, der 1871 erneut den Titel der alten mittelalterlichen Herzöge von Teck verliehen bekam. Durch seine Hochzeit im Jahre 1866 mit Mary Adelaide von Großbritannien hielt dieser Titel als Duke of Teck sodann auch seinen Einzug in das britische Königshaus – ihre gemeinsame Tochter Mary of Teck (1867 – 1953) war die Großmutter der späteren Queen Elisabeth II. und die Mutter des Königs George VI. Von all dem wusste Henriette nichts mehr. Sie starb am 2. Januar 1857 in Kirchheim unter Teck – hochbetagt und verehrt von der lokalen Bevölkerung. (Text von Jane Keller)
Literatur
Peters, Karin: „Herzogin Henriette von Württemberg und ihr soziales Wirken in Kirchheim unter Teck“, in: Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck, Bd. 1, Kirchheim unter Teck, 1975.Klaus Holighaus
*14.07.1940 in Eibelshausen, † 09.08.1994 in SamedanEs ist der 9. August 1994 in Samedan, ein Ort in den schweizer Alpen. Klaus Holighaus steht mit seiner Nimbus-4M auf der Startbahn, bereit für seinen Trainingsflug. Mit einem Strahlen im Gesicht[1] und einem Kribbeln im Bauch schwingt er sich mit seiner Nimbus in die Lüfte. Er macht eine Drehung nach der anderen bis er schließlich den engen Pass am Rheinwaldhorn erreicht. Vermutlich verlor er die Kontrolle über sein Flugzeug, sodass…
Klaus Holighaus wurde geboren am 14. Juli 1940 in Eibelshausen, einem Dorf in Hessen. Bereits in jungem Alter begann er Flugmodelle zu bauen und stellte mit nur 19 Jahren einen Rekord auf, indem sein ferngesteuertes Segelflugmodell sechs Stunden und elf Minuten flog. Doch dabei sollte es nicht bleiben.
1960 absolvierte er sein Abitur und studierte Maschinenbau an der TH in Darmstadt. Dort trat er auch der Akademischen Fliegergruppe bei. Schon während seines Studiums baute er mehrere Segelflugzeuge und bewarb sich nach seinem Abschluss bei der Firma Schempp-Hirth in Kirchheim unter Teck. Dort baute er weiterhin zahlreiche Modelle, wie zum Beispiel den Cirrus, welche zum Erfolg der Firma beitrugen. Somit konnte er 1969 Betriebsleiter, 1972 Geschäftsführer und schließlich 1977 der Alleininhaber von Schempp-Hirth werden. Seine Flugzeuge sind unter Fachleuten weltweit bekannt.
Doch entwickelte Klaus Holighaus nicht nur die Flugzeuge, sondern er nahm auch selbst an Wettkämpfen teil. So ist er viermaliger deutscher Meister, viermaliger europäischer Meister, sowie Vizeweltmeister. Dabei machte er den Segelflugplatz Hahnweide weltweit bekannt. Zugleich stellte er fünf Weltrekorde auf und gehörte somit zu den erfolgreichsten Segelfliegern seiner Zeit. 1994 startete er einen Trainingsflug in den Schweizer Alpen, bei dem er die Kontrolle über sein Flugzeug verlor, abstürzte und an schweren Verletzungen starb.
Er hinterließ seine Frau Brigitte Holighaus und seine beiden Söhne Tilo und Ralf Holighaus, die seitdem das Unternehmen Schempp-Hirth führen. Auch heute noch sind Spuren des ehrenvollen Bürgers Kirchheims unter Teck, überall in der Stadt zu finden. Aufgrund seiner herausragenden Leistungen als Unternehmer und Sportler wurde eine Straße nach ihm benannt. Die Klaus-Holighaus-Straße verbindet die Stadt Kirchheim unter Teck mit ihrem Segelflugplatz Hahnweide. (Text von Anna Greiner)
[1] „Klaus Holighaus schöpfte seine Ideen aus der Liebe zum Segelflugsport.“ unter: https://www.schempp-hirth.com/unternehmen/menschen/klaus-holighaus (abgerufen am 24.04.24)
Max Eyth
*6. Mai 1836 in Kirchheim unter Teck; † 25. August 1906 in Ulm
Max Eyth, geboren am 6. Mai 1836 in Kirchheim unter Teck, war nicht nur ein begnadeter Ingenieur, sondern auch ein beeindruckender Literat und Visionär seiner Zeit. Seine Lebensgeschichte ist geprägt von einer tiefen Leidenschaft für Technik und Maschinen sowie einem feinen Gespür für die gesellschaftlichen und menschlichen Belange, die seine Werke durchziehen.
Frühe Jahre
Max Eyth kommt am 6. May 1836 als ältestes von drei Kindern in Kirchheim zur Welt. Hier ist sein Vater Lehrer an einer Lateinschule im heutigen Max-Eyth-Haus (Erdgeschoss), wo er neben Latein noch Griechisch und Geschichte unterrichtet. Unter seinem Vater genießt Eyth zudem eine „humanistisch-christliche“ Erziehung. 1841 zieht die Familie Eyth nach Schöntal, da der Vater dort zum Direktor des Evangelisch-Theologischen Seminars berufen wurde. Während seiner Zeit in Schöntal erlebt Max Eyth einen bedeutenden Moment, wo „der erste Funke des neuen Feuers, des Geistes unserer Zeit, auf mich fiel, um bald zur hellen Flamme zu werden, die mich durch ein langes, nicht müheloses Leben warm gehalten hat“[1]. Denn im Alter von acht Jahren besuchte er eine wasserbetriebene Hammerschmiede in Ernsbach am Kocher, was seine Faszination für Maschinen und Technik entfacht – eine Leidenschaft, die ihn nie wieder loslässt.
Von 1852-1856 geht Max Eyth dieser Leidenschaft nun nach und studiert Maschinenbau an der polytechnischen Schule in Stuttgart. Danach folgt ein Praktikum als Schlosserlehrling bei der Firma Hahn & Goebel in Heilbronn. Dort wird er aber nach 6 Wochen wieder gekündigt, da er sich nicht mit der monotonen und untergeordneten Arbeit anfreunden kann. Im Januar 1857 bekam Eyth eine neue Stelle bei der Dampfmaschinenfabrik Kuhn in Stuttgart, wo er seine Lehre absolvierte. Als sein Chef ihn 1860 nach Paris reisen lässt, um einen neuen französischen Gasmotor auszuspionieren, ist in Eyth die Reiselust geweckt, er sagt darüber, er „lernte […] als eine unumstößliche Wahrheit erkennen, dass man Erfindungen nicht macht, indem man um die Bude anderer herumschleicht."[1]
Wanderjahre
„Willst du hinaus in die weite Welt,
So laß das Sorgen dahinten.
Nimm nicht zu viel,
Doch ein wenig Geld,
Das weitere solltest du finden.“ [2]
Dieses selbstformulierte Lebensmotto beginnt Eyth nun umzusetzen und startet im Jahre 1861 seine bemerkenswerte Odyssee, die ihn in den nächsten 20 Jahren um die halbe Welt führt. Anfangs reist er mehrere Wochen durch das Ruhrgebiet und Belgien, bevor er im Juli von John Fowler bei der Firma John Fowler & Co. In Leeds eingestellt wird. Unter Fowler entwickelt er sich zu einem führenden Mitarbeiter der Firma, darf aufgrund seines Fachwissens und seinem Fleiß 1862 die Firma Fowler bei der Weltausstellung in London repräsentieren. In dieser Zeit erwirbt er sich zudem über 20 Patente an eigenen Dampfmaschinen.
1863 wird er nun nach Ägypten geschickt, weil es dort Probleme mit den fowlerschen Dampfpflügen gibt. Als Oberingenieur leitet Max Eyth dort den Einsatz dieser Dampfpflüge und anderer landwirtschaftlicher Maschinen, an denen er selbst tüftelt und sie auf vielfältigste Weisen verbessert. Daneben nutzt er die Gelegenheit, das von ihm seit seiner Jugend bewunderte alte Ägypten zu durchforschen. Aufgrund eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs muss Eyth 1866 Ägypten verlassen.
Nach einem kurzen Aufenthalt in den USA ist Eyth 1868 wieder in England. Als Auslandsvertreter seiner Firma beginnt nun die Zeit, in der Eyth fast ununterbrochen auf der Welt herumreist. Auf der ganzen Welt verkauft er seine Dampfpflüge, bringt den Käufern geduldig bei, wie man diese bedient.
So reist er von 1860 bis 1880 durch alle europäischen Länder, durch Nord- und Südamerika, durch einige Teile Afrikas, sogar auf kleine Inseln wie die Antillen in der Karibik. Er vertritt seine Firma auch auf den Weltausstellungen 1873 und 1878. Dadurch hat Eyth eine enorme Erfahrung gesammelt und die industrielle Revolution aus erster Hand miterlebt. Während dieser Zeit dokumentiert Eyth alle seine Reisen. Bemerkenswerterweise schlossen sich seine technischen und literarischen Interessen nicht aus, sondern ergänzten sich auf einzigartige Weise. Seine technischen Schriften und Berichte zeugen von einem tiefen Verständnis der mechanischen und ingenieurtechnischen Herausforderungen seiner Zeit und lassen uns heute nachvollziehen, wie Max Eyth gereist, gearbeitet und gedacht hat.
Weiteres Leben
1882 verlässt Eyth die Firma Fowler und England nach internen Streitigkeiten, um nach Deutschland zurückzukehren und sein „eigenes Boot zu rudern“ [3].
Als er nach Deutschland zurückkehrt, hat Eyth ein beträchtliches Vermögen angehäuft, das es ihm erlaubt, seinen eigenen Interessen frei nachzugehen. Er will im neu geeinigten Deutschen Reich neue Strukturen und Vereine gründen, um nach dem Vorbild Englands die Industrialisierung der Landwirtschaft weiter voranzutreiben. Trotz Widerständen gelingt es ihm durch hartnäckige Arbeit 1885 die „Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft“(D.L.G.) zu gründen. Er gewinnt anfangs 2500 provisorische Mitglieder, darunter Otto von Bismarck. Ein persönliches Anliegen sind ihm die jährlichen Landwirtschaftsausstellungen an immer unterschiedlichen Orten. Unter der Führung von Max Eyth ist die Firma 1896 auf 11000 Mitglieder angewachsen. 1896 legt Max Eyth sein Amt als Vorstand nieder und zieht sich in den Altersruhestand zurück.
Doch Eyths Einfluss beschränkt sich nicht nur auf die Technik. Als Schriftsteller nutzt er seine Erfahrungen und Beobachtungen, um ein breiteres Publikum zu erreichen und über die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen seiner Zeit zu reflektieren. Seine Werke bieten wertvolle Einblicke in die Herausforderungen und Chancen der industriellen Revolution und regen zur Auseinandersetzung mit den ethischen Fragen an, die der technische Fortschritt mit sich bringt. So zum Beispiel in seinem Buch „Die Erlebnisse eines deutschen Ingenieurs in Amerika“. Hier beschreibt er die rasante Entwicklung der Infrastruktur in den USA, kritisiert aber auch die harten Arbeitsbedingungen der Arbeiter. Er hinterfragt die ethische Vertretbarkeit eines Fortschritts, der auf Kosten der menschlichen Würde geht, und betont die moralische Verantwortung von Ingenieuren. Sie sollten ihre Fähigkeiten zum Wohl der Gesellschaft einsetzen, anstatt rücksichtslos technische Innovationen voranzutreiben. Eyth schreibt: „Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass der Fortschritt, der uns mit Maschinen und Wohlstand versorgt, oft auf dem Rücken derjenigen erreicht wird, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssen“ [4]. Eyth kritisiert auch die Umweltzerstörungen durch industrielle Aktivitäten und fordert einen verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Er plädiert für einen nachhaltigen Fortschritt, der die Natur schont und das Wohl der Menschen berücksichtigt: „Der wahre Fortschritt muss die Natur bewahren und schützen, statt sie zu zerstören“ [4].
Vermächtnis
Max Eyth starb am 25. August 1906, hinterließ jedoch ein reiches Erbe, das sowohl die technische als auch die literarische Welt bereichert. Seine Schriften und Erfindungen zeugen von einem Geist, der die Verbindung von Technik und Menschlichkeit stets im Auge behielt. Eyths Leben und Werk sind ein inspirierendes Beispiel dafür, wie technischer Fortschritt und kulturelle Reflexion Hand in Hand gehen können, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Sein Vermächtnis lebt in den vielen Ingenieuren und Schriftstellern weiter, die seine Leidenschaft und seinen kritischen Geist teilen. Max Eyth bleibt eine Figur, die zeigt, dass wahre Innovation nicht nur aus technischen Errungenschaften besteht, sondern auch aus dem tiefen Verständnis für die menschlichen Bedürfnisse und Herausforderungen, die sie begleiten. Seine Gedanken waren seiner Zeit weit voraus und sind auch heute noch genauso aktuell wie vor 150 Jahren. (Text von Julian Reuff)
Ehrungen
- 1896: Verleihung des Ehrenkreuzes des Ordens der Württembergischen Krone und Erhebung in den persönlichen Adelsstand („von Eyth“).
- 1896: Stiftung der Max-Eyth-Denkmünze durch die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, erste Verleihung der Denkmünze in Gold an Max Eyth.
- 1898: Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des RSC-Corps Agraria Bonn.
- 1905: (Erster) Ehrendoktor Dr. Ing. h. c. der Technischen Hochschule Stuttgart.
- 1905: Verleihung der Grashof-Denkmünze des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).
- 1906: (Erstes) Ehrenmitglied des Württembergischen Journalisten- und Schriftstellervereins.
- 1908: Einweihung eines Denkmals von Ernst Herter für Max Eyth in der Dessauer Straße in Berlin-Kreuzberg, dem damaligen Sitz der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft.
- 1923: Einweihung einer Gedenktafel an dem Max-Eyth-Haus in Kirchheim unter Teck (siehe Abbildung), 1925 erhielt Max Eyths Geburtshaus den Namen Max-Eyth-Haus.
- 1932: Gründung der Max-Eyth-Gesellschaft zur Förderung der Landtechnik. Sie ging 1970 in den VDI-Fachbereich Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik (VDI-MEG) über.
- 1936: Benennung des Max-Eyth-Sees in Stuttgart-Hofen zu Max Eyths 100. Geburtstag
- 1936: Stiftung des Max-Eyth-Preises für die besten Leistungen auf technisch-schriftstellerischem Gebiet durch die Max-Eyth-Gesellschaft zur Förderung der Landtechnik im VDI und den Verein Deutscher Ingenieure
- 1950: Stiftung der Max-Eyth-Gedenkmünze durch die Max-Eyth-Gesellschaft zur Förderung der Landtechnik.
- Ein Wagen der Straßenbahn Ulm trägt seinen Namen. Ein weiterer Wagen der Straßenbahn Ulm erinnert an Albrecht Ludwig Berblinger, den unglücklichen Ulmer Erfinder, dem Max Eyth in seinem Roman „Der Schneider von Ulm“ ein Denkmal setzte. Zudem erinnert ein Denkstein auf der Adlerbastei an Max Eyth und den Flugversuch
- Nach Max Eyth sind bundesweit über 50 Straßen und viele Schulen benannt.
Fußnoten und Literatur
[1] Max Eyth: Im Strom unserer Zeit, 1904 (1)
[2] Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock, 1899
[3] Max Eyth: Im Strom unserer Zeit, 1904 (2)
[4] Max Eyth: Die Erlebnisse eines deutschen Ingenieurs in Amerika. ,1882
Ute Harbuch: Max Eyth. Schriftsteller und Ingenieur, 2006.
Adolf Reitz: Max Eyth. Ein Ingenieur reist durch die Welt. Pioniertaten eines Landtechnikers,1956
Gerd Theißen: Max Eyth – Landtechnik-Pionier und Dichter der Tat. Zum 100. Todestag des Gründers der DLG. Frankfurt: MEV, 2006
Otto und Gertrud Mörike
Otto Mörike
*7. April 1897 in Dürrwangen, † 9. Juni 1978 in Schorndorf
Getrud Mörike (geb. Lörcher)
*22. Juli 1904 in Cleebronn, † 24. Dezember 1982
Es ist der 10. April 1938 um 23:30 Uhr. Ein Mob aus zwölf bis vierzehn Männern der Sturmabteilung (SA) und Zivilisten stürmen wutentbrannt ein Pfarrhaus in Kirchheim unter Teck. Im Wohnzimmer steht ein überraschtes Ehepaar. Das Gefolge fängt sofort an, auf den Pfarrer einzuschlagen, wodurch dieser schwer verletzt wird. Die schwangere Ehefrau kann nur zusehen, wie die Uniformierten ihren Ehemann festnehmen und zum örtlichen Amtsgericht abführen. Dort wird er zu zehn Monaten Gefängnis und einem Redeverbot in Kirchheim verurteilt.
Zuvor, am selben Tag, warf das Ehepaar einen Briefumschlag in eine örtliche Wahlurne. In diesem Briefumschlag befand sich eine unterschriebene Ablehnung des NS-Regimes, deren Weltanschauung und des Anschlusses Österreichs. Das Ehepaar war der Meinung, dass der Nationalsozialismus zum Verderben des deutschen Volkes führen würde.
Bei dem Pfarrer-Paar handelt es sich um Herrn und Frau Mörike. Ein Paar, welches für menschliche Vernunft in Zeiten von Nationalismus und gegen den Antisemitismus der damaligen Zeit steht. Statt wegzusehen, prangerten sie an und trugen somit auch die Konsequenzen, wie beispielsweise am 10. April 1938. Des Weiteren waren sie entschieden gegen die menschenfeindliche Ideologie des NS-Regimes und boten Juden vor Verfolgung Schutz.
Leben bis 1933
Otto Mörike wurde am 7. April 1897 geboren und wuchs in einem protestantisch-national geprägtem Pfarrhaus auf. Von 1905 bis 1911 besuchte er ein Gymnasium in Esslingen am Neckar, wo er nicht der beste Schüler war. Der junge Mörike entschied sich schon früh dazu, Pfarrer zu werden, weswegen er theologische Seminare in Blaubeuren besuchte. Mit 18 Jahren meldete er sich freiwillig als Soldat im Ersten Weltkrieg. Mörike wurde zu einem dekorierten Artillerieoffizier, welcher jedoch schnell kriegsmüde wurde. Er sah in dem Krieg keinen Sinn mehr. Diese Zeit mit ihren Erlebnissen und Schrecken des Krieges formte den Charakter des jungen erwachsenen Mannes. Ab 1919 studierte er evangelische Theologie in Tübingen und wurde nach erfolgreichem Abschluss 1925 Pfarrer in Oppelsbohm in Wimmenden. Mörike wurde bekannt als moderner Pfarrer, welcher sich auch für die Belange von Jugendlichen engagierte. Er heiratete am 11. Februar 1926 die Pfarrerstochter Gertrud. Ab diesem Zeitpunkt stand das Ehepaar geschlossen als Einheit.
Erste Konflikte
Anfangs waren die Mörikes gegenüber dem NS-Regime positiv gestimmt. Das Verhalten des Regimes gegenüber anderen Geistlichen sorgte jedoch für einen Sinneswandel. Ab 1933 war Otto Mörike Teil der Bekennenden Kirche und stellvertretender Delegierter im Reichsbruderrat und Mitglied im Landesbruderrat. Die Mörikes waren entschlossen gegen den größer werdenden Einfluss der Nationalsozialisten auf die Kirche vorzugehen. Otto Mörike kritisierte das NS-Regime auch in seinen Predigten, wodurch er schon bald ins Visier der Gestapo gelangte. Aufgrund dessen entging er 1934 nur um Haaresbreite einer Strafversetzung. Diese Tatsache zügelte ihn bei seinen zukünftigen Handlungen jedoch nicht. So wurde ihm wenig später für seine Sympathiekundgebung gegenüber dem unter Hausarrest gestellten Bischof Theophil Wurm ein Verweis von der NS-Kirchenleitung ausgesprochen.
Kirchheim unter Teck
Mörike wurde als 2. Stadtpfarrer am 4. September 1935 nach Kirchheim beordert. Die örtliche NSDAP suchte von Anfang an einen Grund, gegen das Pfarrer-Paar vorzugehen. Am Tag der Reichstagswahl von 1936 verkündete Otto Mörike in seiner Predigt, „dass Gott dem Führer die Zucht seines Geistes nicht entziehen möge“[1]. Der Kultusminister Mergenthaler entzog Otto Mörike wenig später aufgrund dieser Aussage den Lehrauftrag für Religionsunterricht. Doch auch bei dieser Aktion kam Mörike mit einem blauen Auge davon. Nicht so am 10. April 1938. Wie schon im Einstieg erklärt, wurden die Mörikes in der Nacht von einem aufgebrachten Mob überfallen. Otto Mörike wurde schwer misshandelt und für 10 Monate in ein Gefängnis nach Stuttgart gebracht. Aufgrund des Rede- und Aufenthaltsverbotes in Kirchheim und den massiven Anfeindungen der Bevölkerung wurde Mörike versetzt.
Widerstand
Die Familie zog am 1939 nach Weissach u. Flach. Von dort fingen sie an Nachrichten und Pakete an inhaftierte Pfarrer zu senden. Die Mörikes wurden auch Teil der Württembergischen Pfarrhauskette. Diese Vereinigung hatte als Ziel, Juden während der NS-Zeit durch Pfarrhäuser zu schleusen, um sie vor Verfolgung der Gestapo oder des Jüdischen Fahndungsdienstes zu schützen. Durch das Ehepaar Max und Ines Krakauer, alias „Ackermann“ ist der Einsatz der Mörikes bekannt geworden. Die Krakauers wurden durch 34 Häuser geschleust und waren kurzzeitig auch Gast bei den Mörikes. Mit ihrem Werk „Lichter im Dunkel“ setzen sie ihren Helferinnen und Helfern nach dem Ende des Krieges ein würdiges Denkmal. Der Terror und die Überwachung durch das NS-Regime waren Alltag und eine große Belastung für das Pfarrer-Paar. Doch stärkte diese Zeit das Vertrauen und den Zusammenhalt zwischen ihnen sehr.
Nachkriegszeit
Otto Mörike übernahm 1947 die Gemeinde Weilimdorf und wurde 1953 zum Dekan von Weinsberg. Diese Position behielt er bis 1959 inne, ehe er aufgrund einer psychischen Erkrankung 1959 die Pension antrat. Die Mörikes wurden 1971 mit der Yad-Vashem-Medaille ausgezeichnet. Diese wurde ihnen für das Schützen von Juden während des Zweiten Weltkrieges verliehen. 1975 wurde in Jerusalem für das Pfarrer-Paar ein Baum in der Allee der Gerechten gepflanzt. (Text von Lukas Ruff)
Literatur
Bernd Ottnad und Fred L. Sepainte. „Baden-Württembergische Biographien Band III“, 1990 in Stuttgart
Joachim Scherrieble. „Wir konnten uns nicht entziehen“, herausgegeben von Rainer Lächele und Jörg Thierfelder, erschienen 1998 in Deutschland, Quell Verlag Stuttgart
[1] Bernd Ottnad und Fred L. Sepainte. „Baden-Württembergische Biographien Band III“, 1990 in Stuttgart, Seite 257
Rosa Heinzelmann
*25.09.1883 in Kirchheim unter Teck, † 10.08.1964 in Kirchheim unter Teck
Rosa Heinzelmann wurde im Jahr 1883 geboren. Sie widmete ihr Leben der Krankenpflege. Seit 1923 war sie bei der Stadt Kirchheim angestellt und betreute dort über 30 Jahre kranke und alte Menschen und musste auch mit Schwierigkeiten wie dem Schwesternmangel auskommen. Durch ihr großes Engagement in der Pflege wurde sie 1946 Leiterin der städtischen „Hausschwesternstelle“. An ihrem 80. Geburtstag gratulierte Herr Kröning, ein Bürgermeister Kirchheims, ihr in einem Brief von 1963: „Sie dürfen mit Recht stolz sein auf die segensreiche Arbeit, die sie bis in das Alter in beispielhafter Art bewältigt haben.“ Am 10.08.1964 starb Rosa Heinzelmann im Alter von 81 Jahren, ihre Beerdigung fand in der Friedhofskapelle Kirchheim statt. Der Teckbote veröffentlicht an ihr Gedenken ein Zeitungsartikel, indem steht: „Nicht lange dauerte der Feierabend ihres Lebens, doch ihre Erfüllung fand sie jawohl hauptsächlich in ihrer Arbeit, die der christlichen Nächstenliebe gewidmet war.“
Rosa Heinzelmann war nicht nur aus vollem Herzen Krankenschwester, sondern unterwarf sich aus Überzeugung nicht bedingungslos der NSDAP. Die Kreisleitung der NSDAP schrieb in einem Brief an den Kirchheimer Bürgermeister Marx, dass Rosa Heinzelmann nach der Kündigungsfrist aus dem städtischen Dienst entlassen werden solle, da sie sich in einem Schreiben vom 29.08.1936 gegen die NS-Volkswohlfahrt stellt: „Die ablehnende Stellung der NS-Volkswohlfahrt der evangelischen Schwesternarbeit, mit welcher ich mich durch meine eigene Ausbildung eng verbunden fühle, macht es mir unmöglich, Mitglied der NSV zu sein. Ich wiederhole hiermit meine Austrittserklärung.“ Auch der Beamtenstatus, den sie besaß, verpflichtet Heinzelmann zu einem Eid, dass sie die Ziele der NSDAP unterstützen solle. Der Bürgermeister bat sie, ihre Erklärung zurückzurufen, aber Rosa Heinzelmann gab erneut zu Protokoll: „Die Erklärung, mit der ich am 11.08.1936 meinen Austritt aus der NSV wiederholt habe, halte ich aufrecht, da sie meiner inneren Überzeugung entspricht, mit dieser Erklärung wollte ich keinerlei Kritik an der NSV üben, zumal ich das Gute, das sie schafft durchaus anerkenne. Da der Beitritt zur NSV freiwillig ist, muss wohl auch der Austritt dem Einzelnen freigestellt sein.“ In der Gemeinderatssitzung am 26.10.1936 wurde ihre Kündigung beschlossen: „Die auf unbestimmte Zeit angestellte städtische Krankenpflegerin Rosa Heinzelmann soll unter Einhaltung einer sechsmonatlichen Kündigungsfrist aus dem städtischen Dienst entlassen werden, da deren Verhalten mit dem Diensteid und den Pflichten eines Beamten unvereinbar ist.“
Somit zeigte Rosa Heinzelmann Widerstand gegen eine Diktatur, die sie zu einer Handlung zwingt, die gegen ihr Gewissen geht. Zur Würdigung ihrer mutigen Stellungnahme, die sie ihre Arbeit kostete, entschied die Stadt Kirchheim durch die Benennung einer Straße nach ihr dafür, auch weiterhin die Erinnerung an sie wach zu halten. Als Kämpferin gegen den Nationalsozialismus gedenkt ihr Straßenname im Steingau-Quartier an ihren Widerstand. (Text von Katrina Bodlée)