Kirchheimer Stolpersteine

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenksteine aus Messing ins Straßenpflaster einlässt. Auf ihnen ist zu lesen: HIER WOHNTE, darunter Name und Geburtsjahr sowie das weitere Schicksal der Menschen, an die erinnert wird.

Inzwischen liegen mehr als 15.000 Stolpersteine in über 300 Orten in Deutschland, Österreich, Ungarn und den Niederlanden. Beinahe täglich kommen noch neue hinzu. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen will er die Erinnerung an die Menschen lebendig halten, die einst hier wohnten, bevor sie durch Flucht, Festnahme, Deportation und Mord von heute auf morgen aus ihrem Lebensumfeld verschwanden.


Stolpersteine für Kirchheim unter Teck

Im Bewusstsein, dass es diese Schicksale auch in unserer Stadt gegeben hat, startete die Stadträtin Dr. Silvia Oberhauser im Oktober 2006 die Initiative „STOLPERSTEINE für Kirchheim" und erhielt uneingeschränkte Unterstützung von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und der Stadtverwaltung.

Wesentlich unterstützt wurde sie von Brigitte Kneher, die die Lebensgeschichten der jüdischen Mitbürger bereits über Jahre akribisch recherchiert und veröffentlicht hatte. Ohne ihre Arbeit wäre die Stolpersteininitiative undenkbar gewesen.

Des Weiteren von Gunter Basler, der sich die schwierige Aufgabe gestellt hatte, aus den lückenhaften Dokumenten, die zu den „Russengräbern" auf dem Alten Friedhof in Kirchheim vorliegen, die Geschichte der russischen und polnischen Zwangsarbeiter nachzuzeichnen. Stadtarchivar a.D. Rainer Kilian stand der Initiative beratend zur Seite.

Am 10. April 2007 und am 16. Februar 2008 verlegte Gunter Demnig insgesamt 14 Stolpersteine in das Straßenpflaster von Kirchheim unter Teck, davon 11 für jüdische Bürger Kirchheims und drei für Zwangsarbeiter aus Russland und Polen. Sponsoren für die Steine waren in der Kirchheimer Bevölkerung ohne Probleme zu finden.

Im Wissen, dass es noch weitere Opfer des Nationalsozialismus in Kirchheim unter Teck geben mag, beispielsweise unter den Zigeunerfamilien Reinhardt, die ausdrücklich keine Steine für ihre Angehörigen verlegt haben möchten, unter den Zeugen Jehovas und unter Kranken und Behinderten (Euthanasieopfer), kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch in Zukunft noch weitere Stolpersteine in Kirchheim unter Teck verlegt werden.
Nach einem Verzeichnis vom 22. November 1933 lebten in Kirchheim unter Teck 29 Personen israelitischen Glaubens. Dies waren vor allem selbständige Viehhändler und Kaufleute für Bekleidung, Textilien, Tuche, Gardinen und Schuhe.

Am 1. April 1933 begann in Kirchheim unter Teck der staatlich organisierte Terror, indem zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen wurde. Zwischen den Novemberpogromen am 9. November 1938 und dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 setzte eine große Auswanderungswelle ein. Nachkommen der Kirchheimer Juden leben heute in den USA, Argentinien und Israel.

Am 1. Oktober 1941 wurden weitere Auswanderungen durch ein Auswanderungsverbot gestoppt. Für die in Kirchheim verbliebene jüdische Bevölkerung gab es kein Entrinnen mehr. An sie erinnern nun 11 Stolpersteine.

Bei Kriegsende lebte in Kirchheim unter Teck kein Mensch jüdischen Glaubens mehr.
Mit 13 Zwangsverpflichteten aus Polen begann 1940 auch in Kirchheim unter Teck der Einsatz von Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen. Diese wurden vornehmlich in der Landwirtschaft eingesetzt.

Bis Kriegsende kamen insgesamt 1666 Zwangsarbeiter in die Stadt, anfangs vor allem aus Frankreich, im weiteren Verlauf nahezu nur noch aus den besetzten Ostgebieten. Bis zu 90% von ihnen waren in der Kirchheimer Industrie und im Handwerk eingesetzt.

Die in Landwirtschaft und Handwerksbetrieben beschäftigten Zwangsarbeiter waren bei ihren Arbeitgebern untergebracht. Die Arbeiter der Industriebetriebe waren in Barackenlagern zusammengefasst, unter schwierigen räumlichen Bedingungen und meist bei spärlichen Nahrungsrationen.

Wie viele Zwangsarbeiter diesen Lebensbedingungen zum Opfer gefallen sind, bleibt ungeklärt.

Die Stolpersteine, die für zwei russische und einen polnischen Zwangsarbeiter verlegt wurden, mögen daher exemplarisch sein, für viele ähnliche Schicksale, die aber nicht Eingang in die Archive gefunden haben.