Anfang des 18. Jahrhunderts entstand eine Reihe von kleinen Häusern (z.T. sogenannte niedere „Seldnerhäuser“) entlang des Mühlkanals von der Jahnstraße bis zur Spitalmühle (Riethmüller-Areal) und bildete so eine Verbindung zwischen Dettinger und Ötlinger Vorstadt. Davor war hier keine Bebauung. Im 18. Jahrhundert befanden sich dort auch zwei Brennhäuschen für „Hafner“ und im 19. Jahrhundert eine Schmiede und eine Färberwerkstatt. 2019 wurde das letzte Haus dort abgerissen und die gesamte Reihe durch Neubauten ersetzt. Dahinter, jenseits der Lauter, befand sich ein herrschaftliches Reithaus und vorübergehend im 18. Jahrhundert ein kleines Opernhaus im bis heute erhaltenen „Herrschaftsgarten“ (heute „Hain der Kulturen“ bzw. Bürgerpark). Auf dem ersten Stadtplan von 1828 ist noch im Areal des Herrschaftsgartens der Grundriss der 1545 abgebauten Wasserburg eingezeichnet. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde auf den Festungsgürtel vor dem Schloss die Straßeninsel am „Zimmerplatz“ bebaut. Dort befand sich seit der Aufgabe des gleichnamigen Gasthauses in der Max-Eyth-Str. 34 auch das Gasthaus „Krone“ (Alleenstr. 33 u. 35).
Kirchheimer Häuser – Ötlinger Vorstadt
Bereits im 16. Jahrhundert erstreckte sich die Ötlinger Vorstadt in nahezu geschlossener Bebauung zwischen der westlichen Alleenstraße und der Lauter von der Spitalmühle (heute Riethmüllerareal und Einmündung Schülestraße) im Süden bis hin zur Silkerinmühle (heute Kanal- beziehungsweise Mühlstraße) im Norden. Westlich der Lauter war lediglich der heutige Postplatz mit dem Armenhaus (wegen des Bahnhofbaus 1863 abgerissen) und vier weiteren Häusern bebaut.
Anders als in der Oberen und Unteren Vorstadt änderte sich diese Begrenzung bis 1823 nicht besonders mit 48 Häuser gegenüber 42 Häuser im 16. Jahrhundert.
Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung dehnte sich die Ötlinger Vorstadt jenseits der Lauter nach Westen hin erheblich aus. Es entstanden weitere Gebäude westlich des Postplatzes, darunter das Wohnhaus mit Werkstatt der späteren Firma Kolb und Schüle und das Wilhelmshospital von 1840 (heute KfZ-Zulassungsstelle). Hervorzuheben ist hier vor allem auch der Eisenbahnanschluss seit 1863 mit dem Bahnhofsbau (1972 abgerissen, heute östliches Teckcenter) zunächst als Kopfbahnhof, später durch Drehung des Gebäudes als Bahnhof an der Linie Wendlingen/Oberlenningen. Es bildeten sich Fabrikbauten entlang der Eisenbahnlinie in Richtung Westen.
Ebenso wurden neue Straßen angelegt. So begann die Bebauung der Paradiesstraße sowie der Bahnhofsstraße (heute Kolbstraße) und der Rosenstraße (heute Schülestraße) als Verbindung zwischen der Kolb- und der Alleenstraße.
Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert lässt sich die westliche Alleenstraße von der Spitalmühle bis zur Einfahrt der Mühlgasse, zum Teil auch die Max-Eyth-Straße zwischen der Alleenstraße und dem Postplatz als „Nobelviertel“ außerhalb der Innenstadt bezeichnen. Ähnlich wie in der Jesinger Vorstadt wohnten hohe Beamte, Adlige, Wirte und gehobene Handwerker hier. In den weiteren Straßen der Ötlinger Vorstadt, der Ledergasse (heute Gerberstraße), der Schlachthausstraße, der Kanalstraße und dem Postplatz, befanden sich vorwiegend Handwerker, im besonderen Gerber. In der Gerberstraße wurde 1857 zwischen Lauter und Mühlbach das Schlachthaus gebaut, das heute als Wohn- und Bürohaus erhalten blieb.
Die drei bereits im Mittelalter bezeugten Mühlen am Mühlbach lassen sich bis heute noch als markante Punkte an der Lauter nachvollziehen. Aus der Spitalmühle (Alleenstr. 18) wurde am Ende des 19. Jahrhunderts eine Papierlaternenfabrik. In ihrem alten Kern dürften sich noch bauliche Rest der ehemaligen Getreidemühle finden. Auch die Bruckmühle (Gerberstraße 2) weist noch einen alten Bauteil auf. Sie wurde erst am Anfang des 20. Jahrhunderts von der Getreidemühle zur mechanischen Werkstatt umgebaut. Die Silkerinmühle blieb Getreidemühle bis zu ihrer Stilllegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und steht heute als Wohnhaus am aufgeschütteten Mühlbach (Kanalstraße 17 u.19)
Im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Ötlinger Vorstadt auch zum Gastronomie-Viertel der Stadt. Bereits im 16. Jahrhundert stand gegenüber dem Ötlinger Tor, wie auch an den anderen drei Stadttoren, ein Gasthaus, später das renommierte Hotel Post, das 1983 abgerissen und durch das heutige Gebäude der Kreissparkasse (Alleenstraße 160) ersetzt wurde. Noch erhalten dagegen ist das Gebäude Alleenstraße 14, das im 16. Jahrhundert als Forsthaus erbaut, ab Mitte des 17. Jahrhunderts dann als Gastwirtschaft genutzt wurde. Im 18. Jahrhundert kamen der Goldene Adler (heute Max-Eyth-Straße 8) sowie das Gasthaus zum Löwen (Max-Eyth-Straße 3) dazu. Beide Häuser erinnern heute noch mit goldenem Adler und Löwen an ihren Fassaden an ihre Vergangenheit. In unmittelbarer ehemaliger Bahnhofsnähe folgten dann im 19. und 20. Jahrhundert noch weitere Gasthäuser und Cafés.
Die Daten wurden in mühevoller Kleinarbeit von Rosemarie Reichelt erhoben und ausgewertet. Die Daten für die Internet-Präsentation wurden im Stadtarchiv gesammelt, aufgearbeitet und von Yannic Mermi online gestellt.
Die Daten zu den Hausbesitzern stammen aus den Steuerlisten von 1587/89, 1711, 1713, 1788 und dem Gebäudekataster aus den Jahren 1823, 1873/75 und 1895. Ergänzend wurden Lagerbücher der Kellerei, des Klosters und der Geistlichen Verwaltung sowie des Spitals vom 16. – 18. Jahrhundert herangezogen.
Signaturen der Quellen:
StadtArchiv Kirchheim unter Teck: StadtA Ki B 626 – 629, 635, 642, 646, 1020, 1021, 1025 und 1392. StadtA Ki R 1289.
Hauptstaatsarchiv Stuttgart, HStAS H 101/31 Bd. 797 und 811, HStAS 102/37 Bd. 7 und Bd. 21, HStAS 102/36 Bd. 3 und Bd. 20.
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