Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert lässt sich die Untere Vorstadt, westlich entlang des Mühlbachs und der Kanalstraße, südlich entlang der Mühlgasse und der Alleenstraße, östlich entlang der Herdfeldstraße und nördlich bis Höhe der Klostermühle am Mühlbach eingrenzen. Das Gebiet Herdfeld jenseits der Lindach gehörte ebenfalls dazu. Abgesehen von der mageren Bebauung an der Kanalstraße (fünf Häuser) waren die restlichen Straßen, neben den genannten noch die Plochinger Straße und die Ziegelgasse (seit dem 19. Jahrhundert Wollmarktstraße) sehr dicht bebaut.
Die bebaute Straßeninsel mit dem alten Gebäude des „Teckboten“ entstand erst am Ende des 18. Jahrhunderts.
Schon im Mittelalter befand sich nordöstlich der Lindach im Herdfeld eine kleine Ansiedlung um die Marienkapelle, später Totenkirchle (1841 abgebrochen), der noch ein älterer Kirchbau vorangegangen ist. Zur Diskussion steht derzeit die Frage, ob es sich dabei auch um die ehemalige Nikolauskapelle und möglicherweise um eine zweite Pfarrei – neben der der Martinskirche - gehandelt hat. Direkt daneben wurde 1541 der Friedhof angelegt (heute Alter Friedhof). Dies ist im Zusammenhang mit dem Ausbau der Landesfestung in Kirchheim geschehen, als der Kirchhof um die Martinskirche durch den Bau von Kornhaus und Rossmühle erheblich verkleinert wurde. Die etwa zeitgleiche Errichtung der bis heute erhaltenen und denkmalgeschützten Herdfeldbrücke stellt seitdem die direkte Verbindung zwischen Herdfeld und der Innenstadt her, die es vorher an der Lindachbiegung nicht gab.
Ein sehr prominenter Bereich, der ebenfalls zu der Unteren Vorstadt gehörte, ist der Freihof. Die im Mittelalter angelegte Wasserburg erhielt 1609 ihre bis heute bestehende äußere Form. Dieses einst reichsunmittelbare Territorium wechselte über die Jahrhunderte oft den Besitzer.
Anfangs des 18. Jahrhunderts sind in allen Straßen der Unteren Vorstadt Baulücken zu verzeichnen, vermutlich eine Auswirkung des Dreißigjährigen Krieges. Eine ehemalige Schmiede an der Herdfeldbrücke existierte nicht mehr. Im Laufe des 18. Jahrhunderts nahm die Bebauung dann erheblich zu von 71 Häusern Anfang des 18. Jahrhunderts auf 116 Häuser im Jahr 1823. Diese Entwicklung setzte sich im 19. Jahrhundert fort in Richtung Norden und Nordwesten entlang der Plochinger Straße, der Austraße und Lauterstraße sowie im Herdfeld in Richtung Nordosten bis hin zum Ziegelwasen.
Das „Nobelviertel“ an der westlichen Alleenstraße in der Ötlinger Vorstadt hatte auch noch seine Ausläufer in der Unteren Vorstadt. Hervorzuheben ist zudem die Kanalstraße 28 mit dem bis heute erhaltenen Fachwerkhaus mit laubenartigem Fußgängerdurchgang, das im 16. Jahrhundert dem Obervogt Hans von Remchingen gehörte. Er hatte es von dem vermutlichen Erbauer des Hauses, dem herzoglichen Keller Silvester Eckehr übernommen. Auch entlang der nördlichen Alleenstraße sowie der Plochinger Straße lebte und arbeitete eher das gehobene Handwerk. Zwei auffallend große Fachwerkhäuser sind heute noch an der Plochinger Straße 2 und der Alleenstraße 134 erhalten. Typische Kleinhandwerkerstraßen stellten Wollmarkt- und Lammstraße dar. Im Herdfeld lebten die Kleinsthandwerker.
Entlang des Mühlbachs gab es neben der Badmühle, der Klostermühle und der Schleifmühle (später Hammerschmiede) seit dem Mittelalter drei Badstuben. Zwei davon existierten noch bis ins 17. Jahrhundert, die letzte wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts aufgegeben. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich die Kleemeisterei (Abdeckerei) zwischen Lauter und Plochinger Straße (heute Plochingerstr. 71, 73, 75).
Vom 16. bis zum Ende des Weinanbaus im 19. Jahrhundert galt die Untere Vorstadt als Zentrum der Weingärtner („Reebmänner“). In der Nähe der Weinberge im Norden und umgeben von drei Keltern waren sie hier zahlreich vertreten.Im Vergleich zur Oberen Vorstadt war es hier nicht so sehr die Landwirtschaft, sondern der Weinbau, der ausschließlich oder als Zubrot zum Handwerk betrieben wurde.
Wie vor den anderen drei Stadttoren befand sich auch hier vor dem Unteren Tor ein Gasthaus, das Gasthaus „Zum Lamm“, zunächst in dem heute noch erhaltenen Haus in der Lammstraße 4, ab 1902 Ecke Alleen-/Herdfeldstraße (1945 durch Bomben zerstört).
Die Daten wurden in mühevoller Kleinarbeit von Rosemarie Reichelt erhoben und ausgewertet. Die Daten für die Internet-Präsentation wurden im Stadtarchiv gesammelt, aufgearbeitet und von Yannic Mermi online gestellt.
Die Daten zu den Hausbesitzern stammen aus den Steuerlisten von 1587/89, 1711, 1713, 1788 und dem Gebäudekataster aus den Jahren 1823, 1873/75 und 1895. Ergänzend wurden Lagerbücher der Kellerei, des Klosters und der Geistlichen Verwaltung sowie des Spitals vom 16. – 18. Jahrhundert herangezogen.
Signaturen der Quellen:
StadtArchiv Kirchheim unter Teck: StadtA Ki B 626 – 629, 635, 642, 646, 1020, 1021, 1024, 1025 und 1392. StadtA Ki R 1289.
Hauptstaatsarchiv Stuttgart, HStAS H 101/31 Bd. 797 und 811, HStAS 102/37 Bd. 7 und Bd. 21, HStAS 102/36 Bd. 3 und Bd. 20.
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