Kirchheimer Häuser (Obere Vorstadt)

Während des ausgehenden 16. Jahrhunderts befand sich die Obere Vorstadt ausschließlich östlich der Lauter. Zu dem Gebiet der Oberen Vorstadt zählten die folgenden Straßen: Gaisgasse, südliche Alleenstraße, Walkgässle, Mittleres Gässle (seit Mitte 19. Jahrhundert Ziegelstraße) sowie Oberes Gässle (seit Mitte 19. Jahrhundert Lohmühlgasse) und Dettinger Straße.

Besonders hervorzuheben ist das stark bebaute Gebiet rund um die ehemalige mittelalterliche Marienkirche (1539 abgerissen, Höhe Dettinger Straße 55/57)  sowie die mittelalterliche Sägemühle, die seit 1310 belegt ist und im Rahmen der Auswertung genau lokalisiert werden konnte (heutige Lohmühlgasse 16). Sägemühle, Getreidemühle (Herrschaftsmühle) und Marienkirche mit Pfründhaus (später Gasthaus „Zum Rössle“) sowie Häuser im Besitz des Frauenklosters bildeten ein Siedlungszentrum in der Oberen Vorstadt bereits im Mittelalter.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren die Lohmühlgasse und die Gaisgasse nahezu unbebaut.  Die Gründe hierfür sind auf Einquartierungen von Soldaten und kleine Kampfhandlungen während des Dreißigjährigen Krieges zurückzuführen. Auch die mittelalterliche „Sägmühle“ war abgegangen. Als Ersatz dafür war eine Sägemühle in der Dettinger Au entstanden und nach dem Stadtbrand von 1690 kam dort noch eine zweite dazu.
Die Walkgasse konnte dagegen einen Zuwachs an Häusern verzeichnen. Darüber hinaus begann eine spärliche Bebauung entlang der Schmied- und Schwabstraße. Ebenso begann die Siedlungserweiterung westlich der Lauter.

Im 19. Jahrhundert nahm die Bebauung östlich der Dettinger Straße, mit zum Teil kleinsten Handwerkerhäuschen, sowie westlich der Lauter weiter zu. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle die städtische, später privat geführte Ziegelei  (Höhe Ziegelstraße 31 und 35, später Nürtinger Straße 90 und 97). Sie blieb seit dem 17. Jahrhundert bis  zu ihrer Stilllegung am Ende des 20. Jahrhundert stets derselben Branche treu (erst handwerklich und dann industriell).

Sowohl Häuser ohne Scheuer als auch die Kombination aus „Haus und Scheuer unter einem Dach“ halten sich vom 16. bis zum 19. Jahrhundert überwiegend die Waage. Eine Ausnahme bot hier lediglich die Dettinger Straße, die im 16. Jahrhundert noch doppelt so viele alleinstehende Häuser ohne Scheuer vorwies. Im 19. Jahrhundert war aber auch hier die Zahl der beiden Haustypen fast ausgeglichen. Dies hing vermutlich damit zusammen, dass viele Handwerkerfamilien nebenher Landwirtschaft im kleinen Stil betrieben oder Werkstätten angebaut hatten. Vom Ende des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts ist die Anzahl der Häuser beider Haustypen nahezu gleich.

Im untersuchten Zeitraum von 1587/89 bis 1823 war die Obere Vorstadt vorwiegend ein Handwerkerviertel. Aufgrund der Lauter mit Mühlbach gab es neben den Getreidemühlen zahlreiche Gerbereien und Färbereien.

Vom Mühlbach Höhe der Weißgerber-Walkmühle u. Rotgerber-Lohmühle zweigte ein kleiner Wasserkanal zu möglichen Löschzwecken ab, der zwischen dem Haus Dettinger Str. 38 u. 40 in die Dettinger Straße mündete und dann als Stadtbach nach Norden durch die Innenstadt auf der Marktstraße zum Unteren Tor und von dort im Stadtgraben leicht umgeleitet zur Lindach floss.

Im Zuge der Industrialisierung im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde ein Großteil der bestehenden Mühlen in Fabrikbauten umfunktioniert. Die aufblühenden Firmen, die im Rahmen der Industrialisierung im Süden der Oberen Vorstadt, in der Dettinger Au, bis zur Gemarkungsgrenze endstanden, boten neue Arbeitsmöglichkeiten für Arbeiter aus der Stadt und der Region.

Eine besondere Erwähnung verdienen das „Alte Haus“ (Dettinger Straße 2), 1537 erbaut als Gasthaus vor dem Oberen Tor, danach Forsthaus, sowie erhaltene Villen und Fabrikgebäude aus der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert in der südlichen Dettinger Straße.

Die Daten wurden in mühevoller Kleinarbeit von Rosemarie Reichelt erhoben und ausgewertet. Die Daten für die Internet-Präsentation wurden im Stadtarchiv gesammelt, aufgearbeitet und von Yannic Mermi online gestellt.

Die Daten zu den Hausbesitzern stammen aus den Steuerlisten von 1587/89, 1711, 1713, 1788 und dem Gebäudekataster aus den Jahren 1823, 1873/75 und 1895. Ergänzend wurden Lagerbücher der Kellerei, des Klosters und der Geistlichen Verwaltung sowie des Spitals vom 16. -18. Jahrhundert herangezogen.

Signaturen der Quellen:
StadtArchiv Kirchheim unter Teck: StadtA Ki B 626 – 629, 635, 642, 646, 1020, 1021,1024, 1025 und 1392. StadtA Ki R 1289.

Hauptstaatsarchiv Stuttgart: HStAS H 101/31 Bd. 797 und 811, HStAS 102/37 Bd. 7 und Bd. 21, HStAS 102/36 Bd. 3 und Bd. 20.

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