Das Gertrud-und-Otto-Mörike Zimmer

Otto Mörike, 1897 in Dürrwangen bei Balingen geboren, war gemeinsam mit seiner 1904 in Cleebronn geborenen Frau Gertrud, geborene Lörcher, eine zentrale Stimme des Widerstandes gegen die NS-Diktatur in Kirchheim unter Teck. Seit 1935 lebte und arbeitete Otto dort als Stadtpfarrer und bewohnte gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern Dora, Irmela, Frieder und Magdalena das Pfarrhaus am Widerholtplatz 5.

Beginn des Nationalsozialismus

Otto und Gertrud Mörike haben sich seit 1933 innerhalb kürzester Zeit von Menschen, die den neuen Machthabern positiv gegenüber standen, zu entschiedenen Gegnern des Regimes entwickelt. Dass die Mörikes die Machtergreifung Hitlers zunächst begrüßten, kann kaum überraschen. Beide entstammten alten württembergischen Pfarrerdynastien. Wie nahezu die gesamte evangelische Geistlichkeit zur Zeit der Weimarer Republik waren sie eher konservativ und national eingestellt. Otto Mörike war schließlich auch ein verdienter Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen. Die größte Bedrohung in den 1920er Jahren schien nicht von Rechtsextremen auszugehen. Vielmehr bildeten die Liberalen mit ihrer offenen Gesellschaft sowie die Sozialisten und Kommunisten mit ihrer radikalen Ablehnung der tradierten Glaubensinstitutionen, also auch der Kirchen und ihrer Dogmen, die zentralen Feindbilder. In vielen Pfarrhäusern dürften im Januar 1933, als Adolf Hitler zum Reichkanzler ernannt wurde, daher die Sektkorken geknallt haben.

Das sollte sich sehr schnell ändern. Den Anlass für das Umdenken bot den Mörikes das Vorgehen der Nationalsozialisten gegen den württembergischen Landesbischof Theophil Wurm. Dieser hatte sich gegen die Gleichschaltung der evangelischen Landeskirche in eine zentralisierte Reichskirche ausgesprochen und mit regimekritischen Predigten die NS-Machthaber in Stuttgart und Berlin gegen sich aufgebracht. Wurm wurde unter Hausarrest gestellt und ebenso wie zahlreiche andere Pfarrer, Prälaten und Oberkirchenräte vorübergehend suspendiert oder gar mit einem dauerhaften Verbot der Amtsausübung belegt. In der sogenannten „Bekennenden Kirche“ formierte sich anschließend eine oppositionelle Gruppe evangelischer Geistlicher, um Stellung gegen die Eingriffe des Staates zu beziehen. Dies war zugleich Stellungnahme gegen die Versuche der Nationalsozialisten, Einfluss auf die Organisation und Lehre der Evangelischen Kirche zu nehmen. Im Laufe der kommenden Jahre gerieten immer mehr Pfarrer in Konflikte mit den Faschisten. Bis zum Juni 1937 wurde schließlich allen Pfarrern im Dekanatsbezirk Kirchheim die Befugnis zum Erteilen des Religionsunterrichtes entzogen. Dies war als Disziplinarmaßnahme zu verstehen, mit der kritische Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollten. Lediglich drei besonders regimetreue Geistliche blieben davon ausgenommen.

Widerstand der Mörikes

Dennoch, trotz dieser Entwicklungen, blieb das Beispiel Mörikes außergewöhnlich. Wie auch Theophil Wurm gehörte er der „Bekennenden Kirche“ an. In dieser war er als Mitglied des Landesbruderrates sowie stellvertretender Delegierter des Reichsbruderrats tätig. Das macht ihn zu einem Wortführer der Bekennenden Kirche in Württemberg. Seit er die Stelle als Stadtpfarrer angetreten hatte, provozierte Mörike immer wieder mit Reden und Stellungnahmen die NSDAP und ihre Anhänger vor Ort und bewies damit zugleich großen Mut. So erklärte er etwa bei einer Predigt am 11. Dezember 1936, dass noch nie so viel über die Kirche im Deutschen Reich gelogen worden sei, wie es gegenwärtig der Fall ist. Wortwörtlich erklärte er dabei: „Zeitungen wie der „Stürmer“ oder das „Flammenzeichen“ – beides waren Propagandablätter der Nazis – sind voll Lug, Trug und Schmutz. Wehrhafte Männer werden in diesen Zeitungen beschmutzt, dass es eine Schande ist, solche Zeitungen an die Jugend zu vertreiben. Es ist das helle Gift für sie. Gegen solche Lügen und Verleumdungen wehrt sich niemand. Ihr, die ihr Männer seid und im Felde von den Kugeln nicht zurück schrecktet, wenn ihr Männer seid, dann steht auf und wehrt euch gegen solche Lügen und Verleumdungen. Wenn Deutschland nicht umkehrt, geht es unter.“

Das war ein mutiger Akt. In den Konzentrationslagern arbeiten viele Delinquenten für geringere Vergehen. Solche Reden waren jedoch nur ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Monaten noch kommen sollte. Als am 10. April 1938 über den sogenannten „Anschluss Österreichs“, also dessen Eingliederung an das Deutsche Reich abgestimmt werden sollte, stimmten Otto und Gertrud Mörike nicht einfach mit nein ab. Nein, sie verfassten persönliche Erklärungen, in denen sie ihre Ablehnung zum Anschluss ausführlich darlegten. Dabei führte etwa Otto Mörike folgendes aus: „Wenn ich zusammenfasse, komme ich zu dem Urteil: Den Kampf gegen die Kirche und den christlichen Glauben, sowie die Auflösung von Recht und Sittlichkeit halte ich für ein Beginnen, der den Fluch Gottes und damit das Verderben unseres Landes nach sich ziehen muss. Im Kampf um und gegen das Recht und den Glauben unserer Väter wird sich das Schicksal unseres Volkes entscheiden.“  Während Otto Mörike den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich mit ja und nur die Frage nach Hitlers Reichspolitik mit nein beantwortete, stimmte seine Ehefrau Gertrud in beiden Fällen mit nein. Sie gab zu Papier: „Ich anerkenne den Nationalsozialismus auf politischem Gebiet aufrichtig und dankbar. Den Nationalsozialismus als Weltanschauung muss ich als Christ, soweit er im Gegensatz und Kampf gegen das Wort Gottes im Alten und im Neuen Testament steht, ablehnen, da er zum Fluch und ewigen Verderben unseres Volkes gereicht.“ Diese klare und mutige Haltung Gertrud Mörikes, die über die ihres Mannes hinausging, muss hervorgehoben werden.

Vertreibung der Mörikes

Am Abend des gleichen Tages feierten die lokalen Parteigrößen der NSDAP im Goldenen Adler, dem damals größten Veranstaltungssaal der Stadt, ausgelassen ihren Sieg bei der Abstimmung. Wie im Rest Deutschlands so hatte sich auch in Kirchheim eine überwältigende Mehrheit von 99 % für den Anschluss Österreichs ausgesprochen. In bierseliger Laune wurden schließlich die Erklärungen des Ehepaares Mörike verlesen. Im Saal brach daraufhin Tumult aus. Noch in derselben Nacht versammelte sich eine fanatisierte Menschenmenge vor der Tür des Pfarrhauses und forderte „Heraus mit dem Landesverräter“. Die Haustür wurde schließlich eingeschlagen und unter Beteiligung von SA-Angehörigen drangen Männer in das Schlafzimmer der Mörikes ein. Gertrud war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger. Der Pöbel riss dem Pfarrer die Kleider vom Leib und trieb ihn unter Schlägen und Tritten aus dem Haus heraus, durch die Straßen der Stadt hin zum Amtsgefängnis.

In einer Denkschrift hielt Otto Mörike die Ereignisse dieser Nacht später fest. Detailliert beschreibt er, wie die Menge ihn durch die Straßen trieb:  „An der Haustür unten angekommen, erwartete mich eine johlende Schar von ca. 30 Männern und Frauen. Unter der Haustüre gab es noch einen Aufenthalt von etwa drei Minuten, währenddessen überlegt und beraten wurde, ob ich mit dem (bereitstehenden) Wagen ins Gefängnis zu bringen sei oder zu Fuß. Der Entscheid der Straße: "Der Hund soll laufen!" obsiegte. Fortwährend suchte die Meute den Hauseingang zu stürmen, um mich aufs Neue zu bearbeiten, denn ihre Wut über meine vermeintlich landesverräterische Tat kannte keine Grenzen mehr. Bei diesem Anstürmen auf die Haustüre, die besonders der Stationskommandant mit Einsatz seiner ganzen Körperkraft abzuwehren trachtete, wurde ihm von allen Seiten erheblicher Widerstand entgegengesetzt. Endlich war eine Gasse frei, durch die ich dann unter dem Wutgeheul der alsdann sich anschließenden Männer und Frauen, deren eine mir ins Gesicht spuckte, die Straße erreichte und durch die Max-Eyth-Straße zum Gefängnis gebracht wurde. Das Wutgeschrei der Menge, die gemeinsten und niederträchtigsten Anwürfe, begleiteten mich auf dem ganzen Wege und immer neu wurde ich von hinten angefallen und geschlagen. Am rabiatesten wurden die "politischen Soldaten", - denn es waren in der Hauptsache uniformierte SA-Leute, die den Überfall inszenierten - als wir vor dem Gefängnistor anlangten und ihnen ihr Opfer nun bald aus den Händen entgleiten wollte. Als dann vollends der stellvertretende Gefängniswärter, ein älterer Mann, nicht aufzumachen wagte, weil er nicht benachrichtigt war und aus dem ganzen Geschrei nicht klug werden konnte, da erreichte das tolle Treiben seinen Höhepunkt und jeder suchte sich noch einen Schlag zu sichern. Mein Mantel ging dabei auch in Stücke sowie meine Hose, in der ein großer Triangel klaffte. Mein Hut wurde mir vom Kopf gerissen, damit die Hiebe besser auf den bloßen Kopf verpaßt werden konnten; auch wurde von hinten gegen mich gestaucht, ich von hinten am Kragen gepackt und mir die Gurgel zugezogen; schließlich, als die Tür sich öffnete, taumelte ich nur noch wie ein Betrunkener in den Gefängnishof hinein und spürte, daß es so nicht mehr lange hätte weitergehen dürfen, sonst hätte ich die Besinnung verloren.“

Otto Mörike kam zunächst für eine Woche in Schutzhaft, die er ab dem 11. April im Polizeigefängnis Stuttgart absitzen musste. Als er seine Schwiegereltern Lörcher am 19. April in der Bahnhofsstraße, heute die Kolbstraße, in Kirchheim besuchte, war der Mob, der ihn anschließend verfolgte, sogar noch gewaltiger als er es am 10. April gewesen ist. Erneut musste Mörike zu seinem eigenen Schutz ins Gefängnis fliehen. Der diensthabende Polizeimeister gab daraufhin zu Protokoll: „Die Erregtheit der Menschenmenge war wirklich derart, dass es aller Macht der herbeigerufenen führenden Persönlichkeiten der Partei bedurfte, um die Menge vor Unbesonnenheiten zurückzuhalten. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Stadtpfarrer Mörike sich hier nicht mehr halten kann, ohne das Schlimmste für sein Leben befürchten zu müssen. Auch die Polizei wird nicht in der Lage sein, Mörike in Zukunft vor der erregten Menschenmenge zu schützen.“

Mörike und seine Familie waren in Kirchheim nicht mehr sicher. Schikanen und Anfeindungen häuften sich und der Druck der lokalen Machthaber gegenüber der Landeskirche nahm zu.  Die Mörikes, so der allgemeine Tenor, sollten raus aus Kirchheim. Auch hier ist der Einsatz und die Standfestigkeit Gertrud Mörikes erneut hervorzuheben. Ohne ihren Mann musst sie ihren Alltag bestreiten, führte weiterhin Lesekreise durch, war karitativ tätig und erzog ihre vier Kinder – dies alles geschah unter massiven Anfeindungen und Verunglimpfungen der Kirchheimer Nationalsozialisten. Ein Rede- und Aufenthaltsverbot im Dekanat Kirchheim machte Otto Mörike die Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit schließlich unmöglich. Von den Geistlichen der Region ergriff lediglich der Oberlenniger Pfarrer Julius von Jan entschieden Partei für seinen Freund und Kollegen. Mörike wiederum stand von Jan bei seiner berühmten Bußtagspredigt vom 16. November 1938 in Oberlenningen bei.

Schutz für Verfolgte des NS-Regimes

1939 war es schließlich so weit. Mörike wurde in die Pfarreien Weissach und Flacht im Kreis Leonberg versetzt. Dort verbrachte das Ehepaar Mörike auch die Zeit des Weltkrieges und engagierte sich währenddessen in der sogenannten „Württembergischen Pfarrhauskette“. In dieser boten zahlreiche Pfarrer Württembergs in ihren Häusern Verstecke für Juden und andere Verfolgte des NS-Regimes an. Mörike zog es dabei vor, die verfolgten Personen nicht extra im Haus zu verstecken, sondern öffentlich mit diesen durch den Ort zu spazieren und sie als ausgebombte Verwandte aus Berlin vorzustellen, die kurzzeitig einen Aufenthaltsort bräuchten. Die fliehenden Männer, Frauen und Kinder durften dabei jeweils max. 4 Wochen vor Ort bleiben, da sie sich sonst in der Gemeinde hätten amtlich anmelden müssen. Zu den bekanntesten Paaren, die auf diese Weise den Holocaust überlebten, gehörte das Ehepaar Max und Ines Krakauer. Für zwei Jahre lebten sie in 66 Verstecken, bis die Alliierten im April 1945 das Land befreiten. Auch bei den Mörikes in Flacht fand das Ehepaar Unterschlupf. Mit dem Werk „Licht im Dunkeln“ setzt Max Krakauer 1947 dieser Zeit der Verfolgungen und Entbehrungen ein literarisches Denkmal.

Ehrung der Mörikes

Otto und Gertrud Mörike überlebten die Zeit des Krieges. 1947 konnte Otto Mörike eine neue Stelle in Stuttgart-Weilimdorf antreten und zwischen 1953 und 1959 war er schließlich Dekan in Weinsberg. Zu Lebzeiten erhielten Otto und Gertrud Mörike aus Israel viele Ehrungen und Auszeichnungen.  So wurden sie 1971 mit der Yad Vashem-Medaille ausgezeichnet und 1975 wurde ihnen ein Baum in der „Allee der Gerechten“ gewidmet. In Baden-Württemberg hingegen ließen die Anerkennungen zunächst auf sich warten. Erst viele Jahre nach Otto Mörikes Tod im Jahre 1978 wurde 1991 ein Freizeitzentrum in Bissingen an der Teck nach ihm benannt. Gertrud Mörike hingegen blieb eine Ehrung noch länger verwehrt. Der Weg durch den Pfarrgarten in Weilimdorf trägt seit 2006 den Namen „Gertrud-und-Otto-Mörike-Weg“. Seit 2011 ziert zudem eine Gedenktafel für Otto und Gertrud Mörike, die an das Wirken dieses mutigen Ehepaares erinnert, den Ort des Überfalls - das ehemalige Pfarrhaus in Kirchheim unter Teck. Einige Jahre zuvor wurde dort auch ein Raum nach dem Ehepaar benannt.