Ehrenbürger & berühmte Kirchheimer

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde es in Württemberg allgemein Sitte, Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um das Wohl einer Gemeinde oder Stadt und ihrer Bürger verdient gemacht hatten, mit dem Ehrenbürgerrecht auszuzeichnen. Dies war verbunden mit materiellen und finanziellen Vergünstigungen, wie z. B. der Steuerfreiheit. Heute gibt es für Ehrenbürger solche Vorteile nicht mehr: Dank und Anerkennung für außergewöhnliche Leistungen oder besondere Verdienste um die Allgemeinheit stehen im Vordergrund. In unserer Stadt war das Ehrenbürgerrecht stets eine reine Ehrenbezeugung und nicht mit besonderen Rechten bzw. Pflichten verbunden. Nach § 22 der Gemeindeordnung kann die Stadt das Ehrenbürgerrecht an Personen, „die sich besonders verdient gemacht haben“, verleihen.


Wie erfolgt die Verleihung des Ehrenbürgerrechts?

Die Verleihung gehört zu den Zuständigkeiten des Gemeinderats und geschieht in feierlicher Form durch Überreichung einer entsprechenden Urkunde durch den Oberbürgermeister beziehungsweise die Oberbürgermeisterin. Der Gemeinderat kann auch Personen durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechts ehren, die sich in Land oder Bund besonders verdient gemacht haben. Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts ist die höchste Auszeichnung, die von der Stadt Kirchheim unter Teck vergeben wird; als zweithöchste Ehrung gilt die Zuerkennung des Ehrenrings der Stadt. 1873 wurde erstmals das Ehrenbürgerrecht verliehen. Die Stadt Kirchheim unter Teck hat diese außergewöhnliche Auszeichnung sparsam zuerkannt, denn bis 1990 wurden lediglich dreizehn Personen mit dem Ehrenbürgerrecht ausgezeichnet - darunter allerdings auch zwei Nationalsozialisten.

Das Ehrenbürgerrecht ist ein Persönlichkeitsrecht, das durch Aberkennung erlöschen kann, spätestens jedoch mit dem Tod. Eine Aberkennung ist formal nur zu Lebzeiten möglich.

Die Ehrenbürgerwürde an die Herren Murr und Mergenthaler wurde während der Zeit des Nationalsozialismus verliehen und ist durch deren Tod 1945 bzw. 1980 erloschen. Wäre dies nicht geschehen, hätte der Gemeinderat das Ehrenbürgerrecht 2007 durch einstimmigen Beschluss aberkannt.

Der Gemeinderat hat sich am 12. Dezember 2007 bewusst dafür entschieden, Murr und Mergenthaler in der Ehrenbürger-Auflistung zu belassen. Es war der Wille des Gemeinderates, dass in der Gegenwart und für die Zukunft im Bewusstsein bleiben soll, dass in Zeiten des Nationalsozialismus politisch opportune Entscheidungen auch in Kirchheim getroffen wurden, um den damaligen Machthabern gefällig zu sein.

Manche Gemeinden haben als symbolischen Akt in den letzten Jahrzehnten Ehrenbürgerwürden aus der Zeit des Dritten Reiches aberkannt. Kirchheim unter Teck geht bewusst einen anderen Weg, um die Geschehen des Dritten Reichs nicht aus der Erinnerung zu streichen.

Ehrenbürger

Dr. Gottlieb Christian Friedrich von Hauff Er war ab 1841 in Kirchheim u.a. als Leibarzt für Herzogin Henriette tätig und machte wegen seines Einsatzes von Chloroform bei Operationen von sich reden. Wegen seiner großen Verdienste auf wissenschaftlichem und literarischem Gebiet, insbesondere einem Buch über die Ruhr und zahlreichen Zeitschriftenabhandlungen, wurde ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen.
Karl Stroelin Für sein überaus engagiertes und sehr erfolgreiches pädagogisches Wirken erhielt er 1868 den Titel des Rektors der Lateinschule und 1885 das Ritterkreuz erster Klasse des Friedrichsordens. Unter seiner Führung stieg die Zahl der Schüler auf 150. Aus Anlass seiner 25-jährigen Tätigkeit in Kirchheim verlieh im die Stadt das Ehrenbürgerrecht.
Kroener Er widmete sich allen Bereichen der Kommune, wie Förderung des Schulwesens, Verlängerung der Eisenbahn, die Gas- und Wasserversorgung, Elektrizität und Kanalisation, sowie Erschließung neuer Wohngebiete. Für seine vorzügliche Amtsführung erhielt er aus der Hand des Königs mit dem Friedrichsorden 1. Klasse die höchste Auszeichnung, die es in Württemberg gab. Die Stadt würdigte seine Verdienste in 30 Jahren Amtszeit mit dem Ehrenbürgerrecht.
Friedrich Wilhelm Schönig Wegen seiner bedeutenden Leistungen im Zusammenhang mit dem Ausbau der höheren Schule, dem Realprogymnasium, und des ausgeprägten ehrenamtlichen Engagements im Gewerbeverein, im Turnverein, Kirchengemeinderat und Verschönerungsverein, wurde ihm das Ehrenbürgerrecht verliehen.
Dr. Julius Krauß Zum Ehrenbürger der Stadt wurde er für sein 50-jähriges, unermüdliches Wirken als Arzt in Kirchheim, für ein wissenschaftliches Werk über das Medizinalwesen Württembergs sowie für seinen Einsatz für die Kinderkrippe ernannt. Er war ein gewissenhafter Berater zur Verbesserung der gesundheitlichen Verhältnisse im Stadtgebiet und betreute das Wilhelmhospital.
Otto Ficker Neben seiner beruflichen Tätigkeit hat er stets regen Anteil am bürgerlichen Leben genommen. Als Gemeinderat, Mäzen, Förderer der Kultur und der Schulen, ist er bis heute unvergessen. Er vertrat als Stadtvorstand Bürgermeister Marx im Ersten Weltkrieg. Durch großzügige Stiftungen ermöglichte er u.a. die Einrichtung des Altenheims Fickerstift. Bürgermeister Marx zeichnete ihn mit dem Ehrenbürgerrecht aus.
Als kaufmännischer Angestellter bei der Maschinenfabrik Esslingen betrieb er bereits nach dem Ersten Weltkrieg deutschnationale und nationalsozialistische Propaganda und wurde 1928 Gauleiter der NSDAP in Württemberg-Hohenzollern. 1933 wurde er erst württembergischer Staatspräsident, dann Reichsstatthalter für Württemberg. In diesen Funktionen setzte er Hitlers Vorgaben zum Mord an den Juden und zur Euthanasie in Württemberg bedingungslos um. Nach Kriegsende beging er Selbstmord. Wie viele andere Städte Württembergs verlieh ihm die Stadt Kirchheim unter Teck die Ehrenbürgerwürde, um den neuen braunen Machthabern gefällig zu sein.
Die Ehrenbürgerwürde wurde während der Zeit des Nationalsozialismus verliehen. Wäre das Ehrenbürgerrecht nicht durch Tod erloschen, hätte der Gemeinderat dieses 2007 durch einstimmigen Beschluss aberkannt.
Mergenthaler arbeitete als Lehrer in Schwäbisch Hall und Stuttgart und war schon in den zwanziger Jahren für die NSDAP aktiv. 1933 wurde er württembergischer Ministerpräsident und Kultminister. Diese Funktionen nutzte er rücksichtslos für nationalsozialistische Propagandazwecke und ging hart gegen Kirchen und Religionsunterricht vor. Ein Spruchkammerverfahren stufte ihn 1948 als Hauptschuldigen ein. Die Ehrenbürgerwürde erhielt er nach der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten aus politischem Opportunismus.
Die Ehrenbürgerwürde wurde während der Zeit des Nationalsozialismus verliehen. Wäre das Ehrenbürgerrecht nicht durch Tod erloschen, hätte der Gemeinderat dieses 2007 durch einstimmigen Beschluss aberkannt.
Andreas Marx Er hatte sich das Ehrenbürgerrecht als Bürgermeister von 1909 bis 1943 in schweren Zeiten der Stadt verdient. Sein Augenmerk galt dem Schul- und Bildungswesen, dem Wohnungsbau und der Wasserver- und -entsorgung. Er war federführend bei der Gründung des Gewerbeschulverbands und der Ansiedlung des staatlichen Hauswirtschaftlichen Seminars.
Walter Jacob Als Direktor des ältesten Kirchheimer Industrieunternehmens Kolb & Schüle erwarb er sich durch seinen engagierten Einsatz große Verdienste. Er stellte sich für die Mitarbeit im Gemeinderat zur Verfügung und war bis 1965 erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Zudem wurde er in den Aufsichtsrat der Kreisbaugesellschaft und der Otto Ficker AG gewählt. Sein Einsatz wurde ihm mit der Ehrenbürgerwürde gedankt.
Franz Kröning In seiner 30-jährigen Amtszeit hat er sich insbesondere in den schweren Nachkriegsjahren als Stadtvorstand außerordentliche Verdienste erworben. Er brachte nach 1945 die Verwaltung wieder in Gang und die 7000 Flüchtlinge und Heimatvertriebene in die 13000 Einwohner zählende Stadt unter. Linderung der Wohnungsnot, Ansiedlung von Industrie und Gewerbe, Bau von Schulen und Kindergärten waren einige seiner Schwerpunkte. Er begründete die Städtepatenschaften mit Freiwaldau-Gräfenberg und Bulkes und die Städtepartnerschaft mit Rambouillet. Mit dem Ehrenbürgerrecht erhielt er den Ehrenring der Stadt Kirchheim unter Teck.
 Jaqueline Thome-Patenôtre Die Bürgermeisterin der französischen Stadt Rambouillet war Staatssekretärin, Mitglied und Vizepräsidentin der Nationalversammlung sowie Europaabgeordnete. Sie erwarb sich in ihrer 35-jährigen Amtszeit  große Verdienste bei der mit Franz Kröning begründeten Städtepartnerschaft von Rambouillet und Kirchheim unter Teck. Der Gemeinderat Kirchheims beschloss, ihr für diesen unermüdlichen Einsatz das Ehrenbürgerrecht zu verleihen.
Karl Schmid Der letzte Kirchheimer Ehrenbürger ist Karl Schmid. Er hatte sich in vier Jahrzehnten bleibende Verdienste im öffentlichen, politischen und wirtschaftlich-sozialen Leben erworben. Bedeutend sind sein Engagement für den VdK und als ehrenamtlicher Sozialrichter, seine 31 Jahre dauernde Gemeinderatstätigkeit, der Fraktionsvorsitz der SPD und die Tätigkeit als ehrenamtlicher Stellvertreter des Oberbürgermeisters.

Berühmte Kirchheimer

Max-Eyth, der am 6. Mai 1836 mittags in der elterlichen Wohnung im Obergeschoss der Lateinschule geboren wurde, verbrachte die ersten fünf Lebensjahre in Kirchheim unter Teck. Seiner Geburtsstadt blieb er zeitlebens verbunden.

Als Ingenieur [1861 – 1882] in Diensten des englischen Lokomobilherstellers Fowler bereiste er viele Länder der Erde. Danach gründete er 1885 in Berlin die „Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft“, der er bis 1896 vorstand. In Ulm, dem Alterssitz, schrieb er seine bekanntesten Bücher. Zwischen 1899 und 1906 erschienen „Hinter Pflug und Schraubstock“, „Der Kampf um die Cheopspyramide“, „Im Strom unserer Zeit“ und „Der Schneider von Ulm“.

Außerdem hinterließ er ein zeichnerisches Werk von annähernd 1300 Blättern, darunter viele Aquarelle.
Hermann Kurz lebte mit seiner vielköpfigen Familie unter bedrängten Verhältnissen vom Sommer 1862 bis Anfang Dezember 1863 in Kirchheim unter Teck.

Hermann Kurz schrieb wichtige kulturhistorische und realistische Romane und Erzählungen, wie „Schillers Heimatjahre“, „Der Sonnenwirt“, „Bergmärchen“, und „Die beiden Tubus“. Er verfasste Texte für Silcher-Lieder, literarhistorische Arbeiten und zahlreiche Übersetzungen; seine Übertragung und Vollendung des „Tristan und Isolde“ – Fragments von Gottfried von Straßburg regte Richard Wagner zu seiner Oper an. Als politischer Schriftsteller gab er in der 1848er Zeit und danach unerschrocken den „Beobachter“ heraus, die wichtigste demokratische Zeitung Württembergs. Hingewiesen wird auch auf seine Frau Marie, seinen Sohn Edgar und seine berühmte Tochter Isolde, die alle literarisch tätig waren.
Der Berliner Lyriker, Übersetzer und Essayist wurde vor dem Ersten Weltkrieg bekannt durch empfindsame Nachdichtungen asiatischer Lyrik wie „Die chinesische Flöte“, „Hafis“, „Der japanische Frühling“. Die Musikalität seiner Verse regte zahlreiche Komponisten zu Vertonungen an, so vor allem Gustav Mahler zu seinem Lied „Lied von der Erde“.

Fast alle Bücher Bethges sind bibliophil ausgestattet und wurden von bedeutenden Buchkünstlern wie E.R. Weiss, Karl Walser und G. A. Mathéy gestaltet.

Seit 1919 war er mit dem Kirchheimer Kaufmann Ernst Geiser befreundet. 1943 fand Bethge vor den Berliner Bombennächten Zuflucht in Kirchheim unter Teck. Er starb 1946 im Kreiskrankenhaus Göppingen und wurde auf dem „Alten Friedhof“ in Kirchheim unter Teck begraben, wo ein schlichter Grabstein an ihn erinnert.
Im August 1899 verbrachte Hermann Hesse zusammen mit seinem studentischen Freundeskreis, dem „petit cénacle“, einige unbeschwerte Ferientage in Kirchheim unter Teck. Er logierte im Gasthof „Krone“, wo er Julie Hellmann, die Nichte des Kronenwirts, kennenlernte und sich in sie verliebte.

Die Erzählung „Lulu“ in Hermann Hesses Buch „Hermann Lauscher“ [1907] und Ludwig Finckhs erst Jahrzehnte später entstandene Erzählung „Verzauberung“ [1950] erinnern an diese gemeinsamen Kirchheimer Tage.