Villa und Kontorgebäude J.J. Müller, Plochingerstr. 58

  • Standort: Plochinger Straße 58
  • Bautypus: Villa und Fabrikbau in Kombination
  • Entstehungszeit: 1910
  • Bauherr:  Johann Jakob Müller
  • Heutige Besitzverhältnisse: privat
  •  Zustand: sehr gut
1881 erwarb Johann Jakob Müller aus Tuttlingen eine seit 1857 am nördlichen Stadtrand an der Lauter befindliche Textilfirma. Diese wurde beträchtlich erweitert, unter anderem durch ein eigenes Elektrizitätswerk. 1892 ging die Firma an die drei Söhne über; diese konnten 1910 es sich leisten, ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus zu bauen. Sie engagierten den prominenten Architekten Manz, der auf der Höhe seines Ruhmes stand.
Manz entwarf ein ungewöhnliches, großes Haus mit einer Grundfläche von über 270qm. Die Schauseite wird geprägt von einem mächtigen Walmdach mit Dachhaus und segmentbogenförmigem Giebel, im ersten Stock einem Erker mit Rundgiebel und im Erdgeschoss an der Nordecke von einem ebenfalls leicht gerundeten Vorbau.
Das Erdgeschoss enthielt im Nordteil ausgedehnte Pack- und Magazinräume, im Süden das Hauptkontor und im Rundbau das Privatkontor. Im 1. Stock gruppierten sich um eine sehr geräumige Diele Sanitärräume und drei Schlafzimmer sowie ein großes Wohn- und Speisezimmer, eine Küche, ein Salon und ein Herrenzimmer. Im Dachboden befanden sich ein Trockenboten und fünf weitere Zimmer.
Das sehr originelle, repräsentative und architektonisch auffällige Haus stand inmitten der Fabrikanlage. Die Firmenzentrale war damit gleichzeitig Lager- und Packhaus, Büro und Wohnhaus. Es ist sehr gut erhalten und dient heute ausschließlich Bürozwecken.
Die umgebenden Fabrikgebäude wurden in der Textilkrise der 70er Jahre abgerissen und durch Wohnbauten ersetzt.
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg, 1914, beauftragte die Firma J.J. Müller den prominenten Architekten mit dem Neubau einer Spinnerei direkt an der Lauter. Der gelernte Wasserbautechniker löste die schwierige Aufgabe mit Bravour. Er entwarf einen zweistöckigen Backsteinbau entlang der Lauter, gegliedert durch ein umlaufendes Band, große Fenster mit Segmentbogen, in der Mitte einem Zwerchhaus. Der Bau macht auch heute noch einen sehr harmonischen Eindruck und gehört zu den ganz wenigen noch existierenden Fabrikbauten von Manz in Kirchheim.

 (Nach Sieber, Eberhard: Gründerzeitliche Villenarchitektur und repräsentativer Fabrikbau, Schriftenreihe Stadtarchiv Kirchheim unter Teck Bd. 38/2016, S. 106 ff.)